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Wurde Osnat Jüdisch? – PARASCHA MIKEZ

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 Wurde Osnat Jüdisch?

Konnte man die Tora bereits befolgen oder Kenntnis ihrer Inhalte haben, noch bevor sie im Jahr zweitausendvierhundertachtundvierzig nach der Schöpfung überreicht wurde? Das hängt davon ab. Wenn die Tora bereits vorher bestanden hatte, geht das. Die Tora bestand bereits, bevor die Welt erschaffen wurde. Die Tora wird selbst die Blaupause der Welt genannt, der Bauplan.

Die Offenbarung der Tora selbst war jedoch noch nicht erfolgt. Diejenigen, die nahe zu G“tt standen, hatten jedoch schon Vorkenntnisse. Somit könnte es sein, dass unsere Erzväter die Tora bereits kannten und ihre Anweisungen und Vorgaben befolgten.

 

Befolgten jedoch auch ihre Kinder – zum Beispiel Ruben und Schimon, die Stammväter – alle Vorschriften der Tora? Heirateten sie Kana’aniterinnen? Hierüber gibt es im Tamud zwei Meinungen (fünfhundert nach der Zeitrechnung):

Rabbi Jehuda vermerkt, dass sie tatsächlich nur Familienmitglieder heirateten.

Aber Rabbi Nechemja  ist der Meinung, dass sie mit Kana’anitischen Frauen verheiratet waren.

 

Im Tora-Abschnitt dieser Woche ist dieses wieder hoch aktuell. Der Pharao verheiratete Osnat, die die Tochter von Potifar genannt wird, mit Jossejf. Mit dieser Hochzeit oder Trauung zeigte Pharao jedem deutlich, dass die übertriebenen Beschuldigungen von Potifar’s Frau Suleika unbegründet waren – denn wer lässt seine oder ihre Tochter schon den Mann heiraten, Jossejf, der versucht hatte, sie zu vergewaltigen?

 

Wenn Osnat tatsächlich eine Ägypterin gewesen ist, hat Jossejf sie zweifelsohne durch einen Giur (Übertritt) zur Jüdin gemacht, noch vor der Chupa (der jüdischen Trauung). Um seinen Vater davon zu überzeugen, dass seine Kinder Jüdisch sind, zeigt Jossejf seinem Vater Jaakow die Ketuba, die Heiratsurkunde.

 

Laut den Tosafisten (Gelehrte aus Frankreich, im Jahre tausendzweihundertfünfzig) war diese Osnat jedoch eine Nichte oder Cousine von Jossejf, die von Potifar als PFLEGETOCHTER adoptiert worden war.

Was war geschehen? Dina, die Schwester von Jossejf, war vom Heiden Schechem vergewaltigt worden. Dina gebar Osnat, wollte aber nicht tagtäglich an ihre Vergewaltigung erinnert werden. Sie schickte ihre Tochter mit einem Medaillon (ein kleines, an einer Halskette befestigtes Schmuckkästchen) nach Ägypten, in dem sich die Aussage befand, dass Osnat von Jaakows Familie abstammte. Osnat war somit Jüdisch, da ihre Mutter Jüdisch war.

 

Aber wie konnte Dina ein Jüdisches Mädchen allein ins heidnische und unzüchtige Ägypten senden? Nachmanides (elfhundertvierundneunzig bis zwölfhundertsiebzig) behauptet deshalb, dass VOR der Tora-Gesetzgebung am Berge Sinai (zweitausendvierhundertachtundvierzig) das Kind nach dem religiösen Stand des Vaters galt und sie nicht automatisch den religiösen Status der Mutter teilte. Wenn Osnat nicht-Jüdisch sei, müsste Jossejf sie jüdisch machen durch eine Form der Konversion (Giur).

 

Die Frage ist, wie Jossejf Giur ohne einen Beijt Din, ein Jüdisches Gericht, hätte tun können. Wahrscheinlich galt auch die Vorschrift, dass erst ab der Tora-Gesetzgebung das Jüdisch-Werden über einen Bejt-Din zu erfolgen hatte. Erst damals entstand eine wirkliche Pflicht, die Mitzwot, die Gebote, ein zu halten.

 

Awraham und Sarah ließen viele Menschen „Jüdisch werden“. Auch Batja, die Tochter von Pharao, die Mosche das Leben rettete, war durch das Unterauchen im Nil Jüdisch geworden. Die Bekehrungen waren jedoch noch nicht so streng, wie nach der Tora-Gesetzgebung. In Ägypten war der Giur auch ohne einen Bejt-Din möglich.

 

Auch aus anderen Gegebenheiten, die in diesem aktuellen Abschnitt enthalten sind, sieht es so aus, das sich Jossejf und seine Brüder so viel wie möglich an die Vorschriften der Tora gehalten haben.

 

Jossejf lädt seine Brüder – die ihn noch nicht erkannt hatten – ein, zu ihm zum Essen zu kommen. Jossejf beauftragt sein Hauspersonal, ein Diner, also eine feierliche Mahlzeit, her zu richten. Aus den Wörtern „schlachtet Schlachtvieh und bereitet es zu, denn heute Nachmittag werden diese Männer mit mir speisen“ (Gen. 43:16) leitet man ab, dass die Tiere koscher geschlachtet werden mussten und die Spannader entfernt.

 

Jossejf wollte nicht, dass die Brüder ihn verdächtigen würden, er würde trejfe essen. Obwohl das Koscher-Essen vor der Tora-Gesetzgebung noch nicht eine Pflicht war, hielten sich auch Jaakows Kinder an diese Benimm-Vorschiften.

 

Das war die Großartigkeit unserer Erzväter und ihrer Kinder, die Stammväter. Sie kamen dem G“ttlichen Gesetz freiwillig nach. Sie taten das aus eigener Initiative. Sie liefen dem Judentum entgegen und bildeten ein Beispiel für ihre Nachkommen.

 

 

Legende:

Erzväter: Awraham, Jitzschak und Jaakow

Jaakows Kinder: unter anderem Ruben, Schimon, Levi, Jehuda, Dina uns Jossejf

Sulaika war Potifar’s Frau

Potifar war Leibwächter von Pharao.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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