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Teschuwa über die Leere in unserer modernen Kultur

Teschuwa über die Leere in unserer modernen Kultur
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Rosch HaSchana 5782

בסייד

Der wichtigste Aspekt von Rosch HaSchana und Jom Kippur ist den Weg der Teschuwa zu gehen, das heißt, zur Einkehr zu gelangen. Das gilt sowohl zwischen dem Menschen und G’tt als auch zwischen den Menschen und seinen selbst.

 Im Allgemeinen besteht Teschuwa aus mehreren Phasen:

1. pijus – seine Mitmenschen um Vergebung bitten

2. charata – Reue: Trauer über vergangene Missetaten und die Bereitschaft, auf alle aus dem falschen Verhaltenden entstandenen Vorteile zu verzichten

3. kabbala – Entscheidung, es in Zukunft besser zu machen, das eigene Umfeld zu verändern und sich nicht mehr den Einflüssen auszusetzen, die in der Vergangenheit zu falschem Verhalten geführt haben.

4. widuj – Schuldeingeständnis, verbales Eingeständnis, dass man die Grenzen zu schlechtem Verhalten hin überschritten hat, um sich der Schwere seiner Verfehlungen bewusst zu werden.

Neubeginn

Im Buch der Könige (II,5) lesen wir über die Zeit des Propheten Elischa, des Schülers von Elija. Tatsächlich war das Königreich Israel ein Vasallenstaat Syriens, und der Jüdische König Jehoram war ein Vasall des syrischen Königs.

Na’aman, ein General der syrischen Armee, litt an Aussatz und wusste, dass es in Israel einen Menschen gab, der ihn heilen konnte. Der General wurde nach Israel gebracht, und König Jehoram erhielt vom syrischen König den Auftrag, dafür zu sorgen, dass Na’aman gesund zurückkehrt. König Jehoram befürchtete, dass diese Geschichte nur ein Vorwand war, um ihn anzugreifen. Er bekam Angst, aber als der Prophet Elischa versuchte, die Krankheit zu heilen, beruhigte sich der König von Israel. Elischa schickte einen Boten zu Na’aman, der ihm verständlich erklärte, wie er geheilt werden konnte. Gesagt, getan, und General Na’aman erholte sich.

Ein mächtiger Aussätziger

Der Ewigkeitswert dieser Episode im Tenach besteht darin, dass General Na’aman als Gibor Chajil Metsora – “ein Kriegsheld, aber ein Aussätziger” – beschrieben wird. Ein auffallender Kontrast. Einerseits mächtig und andererseits aussätzig. Diese Beschreibung “mächtig, aber aussätzig” ist leider symbolisch für unsere moderne Gesellschaft. Unsere westliche Zivilisation leidet unter einem schmerzhaften Mangel: technologisch sind wir sehr stark, aber ethisch sind wir aussätzig.

Wir sind wissenschaftlich sehr fortschrittlich, aber geistig aussätzig. Materiell stark, aber moralisch schwach. Von außen betrachtet wirken wir stark und selbstbewusst, durchsetzungsfähig, optimistisch und kraftvoll. Wenn wir einen Blick nach innen werfen, sehen wir geistige Krankheit, Korruption, Angst, Verzweiflung, Unsicherheit und inneres Verfaulen.

Macht und Reichtum?

Auffallend ist, dass die Syrer der Meinung waren, dass die Heilung des Aussatzes durch den Königlichen Hof erfolgen sollte. In symbolische Begriffe übersetzt, gingen sie davon aus, dass die einzige Lösung für die Misere der “Na’amans dieser Welt” in Macht und Reichtum besteht. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall. Die geistigen Mängel der Na’amans dieser Welt zu heilen und ihre inneren Konflikte zu lösen, ist die Aufgabe eines Propheten und geschieht durch das Wort G’ttes.

Weigerung, unseren Eltern zu folgen

Im dritten Buch der Thora, Wajikra, wird von der Tragödie erzählt, die das Jüdische Volk treffen wird, wenn es der Thora nicht treu bleibt. Inmitten dieser Tochega, die in dramatischer Weise viele Einzelheiten des Leidens Israels beschreibt, finden wir eine Pasuk, die etwas fehl am Platze erscheint: “Und ich will an meinen Bund mit Ja’akov denken, an meinen Bund mit Jitzchak und an meinen Bund mit Avraham”.

Diese Worte scheinen fehl am Platz zu sein, denn sie werden gewöhnlich als Worte des Trostes ausgelegt.

Aber nach den Shnei Luchot haBrit von Rabbi Isaiah Horowitz’ ist dieser Satz nicht als Trost gedacht, sondern als Grund, warum G’tt so zornig auf uns ist: “Ich erinnere mich an eure Vorfahren”, sagt G’tt, “ich erinnere mich, wie sie am Judentum festhielten und den Glauben durch dick und dünn bewahrten. Ihre Kinder und Enkelkinder haben ihr Erbe hinterlassen. Sie verkauften ihr Erstgeburtsrecht für einen Teller Linsen. Deshalb sind eure Sünden so schwer”, sagt G’tt. “Ihr habt nicht nur die Worte der Propheten ignoriert und euer Glück an Orten gesucht, an denen es kein Glück im Leben gibt, sondern auch Jahrhunderte des Martyriums und der Opfer zu einem unbefriedigenden Ende gebracht. Ihr habt euer geistiges Erbe für so gut wie nichts vergeudet. Viele von uns haben das Gefühl, dass wir schon viele Schritte zu weit gegangen sind und dass es keine Möglichkeit mehr gibt, diesen Kurs zu ändern. Vielleicht ist es wichtig, einen Gedanken aus dem Anfang der Thora zu erörtern, wo wir sehen, dass es nie zu spät ist.

Der Mut zum Neubeginn

Wir alle kennen die Geschichte von Kains Mord an Abel. Wo ihre Eltern, Adam und Eva, zu dieser Zeit waren, ist nicht bekannt. Aber eines ist sicher: Adam und Eva kamen nach Hause und sahen, dass ihr einer Sohn ermordet worden war und ihr anderer Sohn der Mörder gewesen war. Wie haben sie auf diese Katastrophe reagiert? Haben sie aufgegeben? Nein. Sie hatten noch einen Sohn. Die Stärke von Adam und Eva bestand nicht so sehr darin, dass sie mit der Welt angefangen haben, sondern vielmehr darin, dass sie den Mut hatten, wieder erneut anzufangen.

Als Nachkommen von Adam und Eva haben wir genau die gleiche Kraft. Wir haben die Macht, unsere Schritte zurückzuverfolgen. Wir sind in der Lage, einen “mächtigen Aussatz” – die Leere unserer modernen Kultur – in ein blühendes Judentum zu verwandeln.

Einer der Chassidischen Rebben übersetzte die ersten Worte der Thora mit “G’tt schuf neue Anfänge”.

Ich wünsche mir, dass dieses Rosch HaSchana für uns und unsere Familien einen Neuanfang bringt, damit das Judentum wieder wachsen und gedeihen kann. Schana Tova!

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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