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TISCHA BEAW – TRAUER IST DIE KEHRSEITE DER LIEBE

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Mit dem Fasttag 17. Tamus (dieses Jahr am 9. Juli) beginnen die drei Wochen der nationalen Trauer über die Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 n.d.Z. Am 17. Tamus schlugen die Römer eine Bresche in die Mauern um Jerusalem und drei Wochen später, am Tischa Be’Aw, am 9. Aw, ging der Tempel – und damit der letzte wenige Rest der Selbständigkeit Israels – in Flammen auf. Bis auf den heutigen Tag sitzen am 9. Aw viele Tausende Juden trauernd und fastend auf dem Boden vor der Klagemauer, hinter der sich jetzt und oberhalb die Omar-Moschee befindet.

Die Legende erzählt, dass Napoleon einst entlang einer Synagoge ging und ein so erschütterndes Weinen und Wehklagen hörte, dass er glaubte, eine enorme Tragödie hätte stattgefunden. Er fragte seinen Adjutanten, was da wohl los sei. Deren Tempel sei verwüstet worden, lautete die Antwort. „Weshalb wurde ich hierüber nicht informiert?“ fragte Napoleon. Als er erfuhr, dass dieses Unglück schon mehr als siebzehn Jahrhunderte zurück läge, war es höchst erstaunt.

Langsam  sensibilisieren

Es ist in der Tat erstaunlich, dass es unseren Weisen gelungen sei, die Erinnerung an den Tempel so wach zu halten. Aber die Geschichte zeigt auf, dass es ihnen mit der Halacha (dem Jüdischen Gesetz) in der Hand gelungen ist, das Jüdische Volk noch viele Generationen später  für den Verlust des spirituellen Zentrums des Judentums zu sensibilisieren.

Vernünftigerweise haben unsere Weisen eine Art von „sensivity-training“ angeordnet, um nach und nach das Verständnis dafür zu erzielen, dass mit dem Tempel viel verloren gegangen ist. Ab dem 17. Tamus sind alle Feierlichkeiten verboten. Feste und Hochzeiten dürfen nicht gefeiert werden und man darf sich nicht rasieren oder die Haare schneiden.

Trauerzeiten

Ab dem 1. Aw (in diesem Jahr am 22. Juli) fängt die zweite Trauerzeit an. Während neun Tage darf man kein Fleisch essen oder Wein trinken – mit Ausnahme von Schabbat, die Bekleidung darf nicht mehr gewaschen oder gereinigt werden und das sich Waschen oder Schwimmen ist verboten. In der Woche, in der Tischa Be’aw fällt, gelten noch strengere Anordnungen zur Zurückhaltung, aber die intensivste Trauerbekundung ist für Tischa Be’aw selber reserviert; genau wie an Jom Kippur fasten wir 24 Stunden an einem Stück.

Wir tragen keine Schuhe aus Leder und sitzen entweder sehr niedrig oder auf dem Boden, um somit unsere Zerknirschtheit zu bekunden. In der Synagoge wird das Buch der Klagelieder „Ejcha“ auf erschütternde Weise vorgelesen und Trauergedichte verleihen dem Gefühl, dass vor 2000 Jahre, in Tausenden von Kilometern Entfernung, etwas Wesentliches schief gelaufen sei, auf dichterische Art Ausdruck. Das Anziehen von „Teffilin“ – Gebetsriemen – wird ausgesetzt, da diese Zierde von Jüdisch-religiösen Stolz sich nicht mit einem Gefühl der Trauer und seelischem Kummer vereinbaren lässt.

Die Trauer nach dem Trauma

Was im Grunde vorgeschrieben wird, ist ein sorgfältig zusammengestelltes Trauer Empfinden nach einem traumatischen Ereignis. Die Rabbiner von vor 2000 Jahren, die die Zerstörung von Israels spirituellem Zentrum selber mit erlebt hatten, wollten mittels Zeitabschnitte der körperlichen Entbehrung unseren geringen emotionalen Bezug in einem Empfinden zusammen kommen lassen, dass der Verlust des Tempels bis auf den heutigen Tag eine Tatsache ist.

Trauer nach Verlust eines geschätzten Familienmitgliedes 

Bei der vorgeschriebenen Trauer nach Verlust eines geschätzten Familienmitgliedes verhalten sich die Trauerzeiten in umgekehrter Reihenfolge. Sofort nach der Beisetzung sitzt man sieben Tage lang Schiwwe. Da das Trauma in diesem Augenblick am Schlimmsten empfunden wird, identifiziert man sich mit dem/der Verstorbenen, indem man die weitestgehende Trauer beachtet: die Familie sitzt niedrig oder auf dem Fußboden, bleibt zu Hause und versorgt sich nicht. Besucher werden selbst nicht ge- oder begrüßt. Nach dreißig Tage der nachlassenden Trauer, während denen man sich nicht rasiert und keine neue Kleidung anzieht, folgt nach dem Tod eines der Eltern das Trauerjahr, in dem man an Feierlichkeiten nicht teil nimmt.

Die umgekehrte Reihenfolge

Die umgekehrte Reihenfolge in den drei Wochen und der strukturierte Inhaltliche Aufbau davon zeigen, dass wir das Warum und Weshalb der Zerstörung des Tempels kaum mehr begreifen. Unsere Weisen erklären, dass der Tempel ausschließlich durch den unbegründeten Hass zwischen den Juden untereinander, zerstört wurde. Nach 2000 Jahren Goles/Gallut (Exil) ist in dieser Beziehung kaum Verbesserung zu verspüren. Ein Grund um so mehr, daran einen Tag der trüben Besinnung zu widmen.

Trauern um den Jüdischen Geist

Noch immer trauern wir, oder besser gesagt, beklagen wir das Fehlen von wahrhaftiger Jüdischer Inspiration. Bis zur Entstehung des Drittem Tempels bleiben wir um den Verlust des Heiligtums, das einst das Zentrum unserer geistigen Inspiration bildete und Jerusalem seinen besonderen Status verlieh, Schiwwe sitzen. Rabbi Chajim von Wolozhyn, der Leiter der Litauischen Orthodoxie aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, illustriert unsere Untröstlichkeit mit einem Midrasch.

Nachdem die Brüder den Jossejf verkauft hatten, erzählten sie ihrem Vater Ja’akow, dass er von einem wilden Tier zerfleischt worden sei. Ja’akow blieb untröstlich und trauerte zweiundzwanzig Jahre. Ja’akow ließ sich nicht trösten, da er intuitiv fühlte, dass sein Sohn Jossejf noch am Leben sei. Solange es noch Hoffnung gibt, lässt man sich nicht trösten. Dasselbe gilt, erklärte Rabbi Chajim, für unseren Tempel. Die Römer konnten vielleicht das irdische Jerusalem vernichten, aber die Ideale und geistigen Werte, die der Tempel ausstrahlte, sind unverwüstlich.

spirituelle Bedeutung verloren gegangen

Für diejenigen, die nicht mehr um Jerusalem trauern können, ist auch diese spirituelle Bedeutung verloren gegangen. Für sie wurde das Kind mit dem Badewasser ausgeschüttet. Jerusalem ist jedoch mehr, als nur die Hauptstadt des Staates Israel; sie ist der Schmelztiegel aller individuellen Vorhaben. Jerusalem (Jeruschalajim) ist die Stadt, in der das Jüdische Volk zu EINEM GANZEN wird.

Die Läuterung der Seele

Als G“tt den Auftrag erteilte, einen Tempel zu bauen und den Opferdienst bis ins Kleinste regelte, wollte ER auf ganz konkrete Weise benennen, wie jeder Jude zur wahren religiösen Inspiration gelangen könne, wie er sein Herz zu einem Altar G“ttes umfunktionieren könnte. Die ältesten Erklärer verweisen uns auf diese tiefergehende Bedeutung. G“tt benötigt nicht unsere Tieropfer. Was G“tt möchte, ist, dass das Herz in voller Hingabe auf IHN ausgerichtet wird. Wenn ein Tier geopfert wurde, sollte derjenige, der das Opfer erbrachte, sich hierbei so empfinden, als ob er seine niederen Triebe und Instinkte, die ihn auf den verkehrten Weg geführt hatten, vor G“tt aus einem tiefen Bedürfnis, hiervon befreit zu werden, erbrachte. Opferung war Läuterung des Geistes. Ohne dieses Bestreben, waren Tieropfer lediglich inhaltslose Rituale.

Die Babylonischen und Römischen Soldaten konnten die Tempel (den 1. und den 2. Tempel) nur verwüsten, da die G“ttliche Präsenz die Heiligtümer verlassen hatte. Die Schechina war verschwunden, da das Jüdische Herz den G“ttlichen Auftrag vergessen hatte und nur noch von blindem Hass erfüllt war.

Die Freude um und über Jerusalem ist mehr, als nur die Ansiedlung der Botschaften ausländischer Staaten. Es ist die Freude der Anwesenheit G“ttes, die sich in unserem Gefühlsleben erst mal bewahrheiten sollte, wonach sich die Festigung des Königreich G“ttes auf Erden nur noch als eine Formalität erweisen wird. Leschana Haba biRuschalajim habenuja…nächstes Jahr in einem wieder aufgebauten Jerusalem.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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