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Was ist unsere Stärke? Wie verteidigen wir uns und unsere eigene Identität?

Was ist unsere Stärke Wie verteidigen wir uns und unsere eigene Identität
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Ich habe gestern in den Schlagzeilen die schreckliche Nachricht gelesen. Wie die Mitglieder der Gemeinde Netzach Jisrael den Angreifer im New Yorker Chanukka-Angriff abgewehrt haben. Was ist unsere Stärke? Wie verteidigen wir uns und unsere eigene Identität?

Wir haben soeben Chanukka gefeiert. Ich nehme Sie auf eine Zeitreise mit, die 2183 Jahre in die Vergangenheit führt.

Wie gelang es einer so kleinen Gruppe von Chaschmonäern einen so großen Sieg zu erringen? Wie es unsere Liturgie so bildlich skizziert:

  • “Viele wurden der Hand von Wenigen ausgeliefert,
  • Die Starken in der Hand von Schwachen”.

Die Antwort liegt in der enormen Kraft des Glaubens. Der Glaube ist mächtiger als die größten Armeen. Ich habe diese Menschen mit gemacht, die die Ehre G”ttes weit über die Angst vor dem Mitmenschen einstuften.

Sie waren keine mittelmäßigen Bürger. Sie setzen sich komplett ein, gingen durch dick und dünn. Wir sind ihnen überall begegnet, den “Jidden”, die ihre Prinzipien nie aufgaben, in Russland, in Deutschland, überall in Europa. Das ist Glaube zum anfühlen.

Die Schüler von Rabbi Jochanan baten ihn auf seinem Sterbebett um eine Beracha (einen Segen). Er wünschte ihnen, dass “ihre Ehrerbietung an G”tt genau so sein würde, wie ihre Ehrerbietung ihrem Mitmenschen gegenüber”. “Rebbe, hast Du keine schönere Beracha für uns?”. “Nein”, sprach Rabbi Jochanan, “Ihr wisset genau so gut wie ich, dass wenn jemand davor steht, zu sündigen, er sich umsieht, ob keiner dabei zuschaut. Was G”tt davon hält, interessiert ihn nicht wirklich. Deshalb ist meine Beracha, dass Euere Ehrbezeugung an G”tt genau so sein sollte, wie Euere Ehrerbietung gegenüber Euerem Mitmenschen”.

  • Was bedeutet “wirklich richtig vor zu gehen”?
  • Wie gelangen wir dazu, richtig zu glauben? Wie definieren wir Glaube eigentlich?
  • Manche glauben, dass G”tt die Welt erschaffen hat, aber sie danach mit ihrer eigen Kraft durchdrehen ließ. Laut dieser Ansicht bemüht G”tt sich nicht mehr um diese Welt. Das Universum wurde den Naturgesetzen überlassen.
  • Wir gehen davon aus, dass G”tt noch immer in das Weltgeschehen eingreift. Wir glauben das absolut. G”tt begleitet jeden von uns aktiv. Wir müssen uns hierfür nur öffnen, um es zu sehen.
  • Wirklich zu glauben bedeutet, dass man sich bewusst wird, dass es außer G”tt im Grunde nichts gibt: G”tt ist die einzige reelle Wirklichkeit.
  • Als die Juden durch das Schilfmeer zogen und sahen, wie das Ägyptische Heer ertrank, wurden sie sich bewusst, dass G”tt die einzige reelle Wirklichkeit ist. Der Midrasch erzählt, dass die Offenbarung G”ttes am Schilfmeer so mächtig war, dass selbst die Kinder G”tt tatsächlich spüren konnten und sprachen: “dieses ist mein G”tt und ich möchte Ihn ehren” (se Keli we’anwehu).
  • Am Berge Sinai “sahen die Bnej Jisraejl die lauten Geräusche” (Schemot/Exodus 20:14). Das bedeutet, dass was normalerweise gesehen wird (die harte Wirklichkeit um uns herum), nur noch gehört wurde und weniger beeindruckend war, während das, was normalerweise nicht gesehen und nur gehört wird (alle spirituellen Dinge) plötzlich “gesehen” und zu knallharter Wirklichkeit wurden.

Die Geschichte hat die Realität der Thora G”ttes als transportables Vaterland des Jüdischen Volkes bewiesen. Israel wurde ein Volk in einem fremden Land. Die Sklaverei war schwer und erniedrigend. Alle Rechte wurden uns entsagt. Die Zukunft schien verloren zu sein. Die Babys wurden in den Nil geworfen. Wir wurden in Blut geboren und würden in Blut zu leben fort setzen. Das Symbol eines Lebens voller Selbstaufopferung zur Verkündigung der einzigen Wahrheit. Das auserwählte Volk war für eine ganz andere Lebensdimension vorgesehen. Für G”tt auf den Weg sein bedeutet viel Begeisterung und Aufopferung.

Kiddusch HaSchem

Die Hebräische Bezeichnung für Aufopferungsbereitschaft ist Kiddusch HaSchem – die Heiligung des G”ttlichen Namens. Der Gegensatz zur Heiligung des Namen G”ttes ist Chilul HaSchem (die Entweihung des Namen G”ttes). Im Talmud werden die Begriffe Kiddusch HaSchem und Chilul HaSchem mehr auf der persönlichen, ethischen Ebene übersetzt.

Als Jossejf sich von Sulaika, der Frau seines Chefs Potifar, nicht verführen ließ, wurde hierdurch der Name G”ttes geheiligt, so laut dem Talmud (B.T. Sota 36b). Den Ehebruch zu begehen, würde – neben einer sozialen Bösartigkeit – eine Entweihung des G”ttlichen im Menschen bedeuten. Kiddusch HaSchem kann im Judentum auch mehr alltägliche Formen annehmen: ein vorbildliches ethisches Verhalten. Das ist es, um was es sich handelt. Als die Juden am Ufer des Schilfmeeres standen und verzweifelt waren, da das Ägyptische Herr ihnen auf den Fersen war, zog sich das Meer zurück und teilte sich, da es den Sarg von Jossejf sah. Ein gutes ethisches Verhalten ist unsere Waffe und die einzige wirkliche Äußerung des wahrhaftigen Glaubens. Wenn wir uns im ethischen Sinne gut benehmen, schafft G”tt Wunder für uns. Wie wir im Festgebet  “Al Hanissim” sprechen: „Aber Du standest den Makkabäern in Deiner großen Barmherzigkeit bei. Du liefertest Stärke in die Hand von Schwachen, Viele in die Hand von Wenigen”.

Chanukka auf zwei Ebenen

Chanukka scheint eine doppelte Identität zu haben:

  • eine spirituelle Seite, durch die geistigen Lichter symbolisiert, aber auch eine
  • nationalistische Seite, denn Chanukka feiert das Ende des Krieges der Chaschmoneer (Maccabim) gegen die Hellenisten (den griechisch gesinnten Syrer).

Um was geht es nun hauptsächlich? Ist Chanukka ein geistiges Lichterfest oder geht es auch um die Jüdische Selbständigkeit und um die Vertreibung von Feinden?

Im Jahr 1166 zog Rabbi Mosche ben Maimon von Israel nach Ägypten um. Im Jahr 1172 wurden die Juden im Jemen von Fundamentalisten belästigt. Die Jemenitischen Juden erlebten in jener Zeit eine geistige Krisis. Sie wandten sich an Maimonides mit der Frage, was sie tun sollten.

In einem Schreiben – später bekannt geworden als der Igèret Teman (der Brief an Jemen) – ermutigte er sie und spornte sie dazu an, ihre Jüdischen Traditionen zu erhalten. Sein Brief erbrachte Trost, aber Maimonides verstand, dass seinen Brüdern mit nur geistiger Unterstützung nicht geholfen war. Er ging zum Sultan von Kairo und verstand es, ihn zur Intervention zu Gunsten der Unterdrückten zu bewegen.

Sein Igèret Teman eröffnet einige nicht vermutete Aspekte von Chanukka. In seinem Schreiben debattiert Maimonides über seine Sicht auf die ewig andauernden Verfolgungen von Am Jisraejl: “Indem Er uns die Thora gegeben hat, erhielten wir vom Schöpfer in dieser Welt eine besondere Aufgabe. Diese Auserwähltsein verdanken wir nicht unserem Überragen, sondern ist eine Folge der guten Taten unserer Ahnen.

Manche Völker reagierten eifersüchtig auf die Auswahl des Jüdischen Volkes. Auch sie wollten an der prophetischen Ekstase am Berge Sinai Teil haben. Dieses wurde verweigert, da sie die Thora nicht entgegen nehmen wollten. So ist der Antisemitismus entstanden.

Verfolgungen können jetzt auf zwei Arten erfolgen: manche möchten das geistige Erbgut des Jüdischen Volkes vernichten, andere sind darauf hinaus, unser körperliches Bestehen  zu bedrohen”. Maimonides reihte die Hellenistischen Syrer in die erste Kategorie der Verfolgung ein.

Beide Arten von Verfolgung erfolgten oft Hand in Hand. Maimonides betrachtete die Pogrome in der Chanukka-Geschichte an erster Stelle als einen religiösen Streit. Aber als ein direktes Ergebnis davon wurde die Jüdische physische Existenz bedroht.

Chanukka heute

Was sollen wir heutzutage damit? Wir sollten jede Herausforderung wahr nehmen, um zu wachsen, selbst die negative.

Das Hebräische Wort für Krise ist Maschbejr. Mit Maschbejr wird auch der Untersuchungsstuhl beim Frauenarzt bezeichnet. Krisen sind nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Geburtswehen. Es entsteht etwas Neues. Deshalb sind wir selbst aus allen Krisen der vergangenen 4000 Jahre stärker hervor gegangen, als wir davor waren.

Bei schwierigen Anlässen erinnern wir uns daran, woher wir kommen, wer wir sind und weshalb wir hier sind. Schwierige Zeiten können Glück hervor bringen, wenn wir zu unseren Wurzeln zurück kehren.

Wir sind hier auf der Welt – als die Träger des G”ttlichen Bildnisses (siehe Genesis I:26 – das ist unser Ursprung und unsere Quelle!) – um das spirituelle Licht leuchten zu lassen und um es zu verbreiten.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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