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Was können wir also von Moses lernen und für uns umsetzen? – Pessach 5782

Was können wir also von Moses lernen und für uns umsetzen - Pessach 5782
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Lieber Rabbiner!

Was können wir in der derzeitigen angespannten Situation in der Welt aus dem Exodus lernen?

Aus dem Auszug aus Ägypten lernen wir, dass wir uns niemals vor Tyrannen beugen dürfen.

Von Mosche lernen wir, selbst den größten Herrschern furchtlos gegenüberzutreten, wenn es um das Wesentliche unseres jüdischen Lebens und Glaubens geht.

Wir lernen aus der gesamten Geschichte des Exodus, dass G’tt die gesamte Weltgeschichte geplant hat und leitet, dass wir uns demütig vor der göttlichen Vorsehung verneigen müssen, dass unsere jüdische Existenz einen übernatürlichen Charakter hat und dass das Judentum auch dann noch fortbestehen wird, wenn wir es selbst nicht mehr erleben dürfen.

Am Yisrael Chaj!

Mit Pessach hielt das Jüdische Volk Einzug in die Geschichte. Am Sederabend erleben wir erneut unsere übernatürliche Existenz als Volk. Die Entstehungsgeschichte des Jüdischen Volkes ist einzigartig. In einer Lage, die man ohne Zweifel als aussichtslos bezeichnen konnte, wurde eine Nation geboren, die sich, über alle soziologische Konventionen hinweg, zu behaupten wusste. Israel wurde ein Volk, in einem fremden Land, in dem ihm, unter einer repressiven Sklaverei, alle Rechte verweigert wurden. Die Zukunft schien verloren. Die Neugeborenen wurden in den Nil geworfen. Wir wurden in Blut geboren und würden weiterhin in Blut leben, das Blut als Symbol für ein Leben voller Selbstaufopferung und Selbstverleugnung zur Verkündigung der Einzigen Wahrheit.

Es war der Prophet Ezechiel, der die Geburtswehen des Jüdischen Volkes in Ägypten so treffend schilderte mit den Worten: “Da ging ich an dir vorüber und sah dich zappelnd in deinem Blute, und ich sprach zu dir: In deinem Blute lebe, bedamajich chaji”.

Das auserwählte Volk war für eine völlig andere Dimension des Lebens bestimmt als die übrige Menschheit. Beim Durchzug durch das Schilfmeer schreibt die Tora, dass die Juden “wejàminu baShem uweMosche awdo”,  an G”tt und an seinen Diener, Mosche, glaubten. Die Jüdischen Sklaven in Ägypten konnten auch durch ihren Glauben bestehen. Jedoch hatte der Glauben, nach der übernatürlichen Befreiung, einen ganz anderen Charakter.

Die einzig wahre Realität

Was ist Glauben? Manche glauben, dass G”tt die Welt erschaffen hat. Andere nehmen an, dass G”tt weiterhin in das Weltgeschehen eingreift. Die höchste Form von Glauben ist die Überzeugung, das G”tt die einzig wahre Realität ist. Die Geschichte hat die Realität von der Tora G”ttes als transportables Vaterland des Jüdischen Volkes bewiesen.

Am Sederabend singen wir das Lob G”ttes, der uns aus Ägypten führte. Eine seltsame Geschichte! Zuerst bringt G”tt uns nach Ägypten und lässt uns durch die Ägypter unterdrücken. Danach befreit er uns und verlangt von uns, dass wir ihm dankbar sind. Es scheint ein Widerspruch in sich, aber am Sederabend feiern wir sowohl das Elend als auch die Befreiung. Sederabend ist ein erneutes Erleben der ‚gesamten ägyptischen Erfahrung‘.

Diese doppelte Deutung liegt schon in der Mazza verankert. Die Mazza wird sowohl ‘Brot der Armut’ als auch ‘Brot der Freiheit’ genannt. Gerade in der Einfachheit unserer Glaubensexistenz wurzeln unsere Freiheit und unsere Spannkraft. Sowohl das Elend als gleichzeitig auch die Befreiung  sind unsere Identität geworden.

Was ist der Unterschied zwischen Chamez, gesäuertes Brot, und Mazza? Mazza besteht nur aus Wasser und Mehl, es ist fast ohne Geschmack. Durch Zugabe von Hefe entsteht ein Gärungsprozess, der ein viel schmackhafteres Brot entstehen lässt. An Pessach dürfen wir gesäuerte Lebensmittel nicht mal in unserem Besitz haben. Wir müssen es alles zu Staub erklären. Das Chamez-Verbot bedeutet, dass wir uns einmal im Jahr komplett lossagen von unserer Verbundenheit mit irdischen Genüssen und materiellen Neigungen. Sucht ist Sklaverei – Freiheit bedeutet die Loslösung von allem. Das Brot der Freiheit ist unser Brot. Es stellte sich heraus, dass unsere rechtlose Lage sich in unsere Kraft umwandelte. Weil wir nicht gebunden waren an Land, Situation oder gesellschaftlicher Stellung,  konnten wir G”tt ohne Vorbehalt folgen.

Die wahre Freiheit

Das Problem des freien Willens hat Philosophen schon Jahrhunderte lang beschäftigt. Moderne Menschen suchen die uneingeschränkte Freiheit. Wir fühlen uns frei, wenn wir unsere eigenen Lebensziele wählen dürfen. Eine Begrenztheit unserer Mittel bezeichnen wir nicht als Unfreiheit, erleben sie jedoch als  physisch körperliche Einschränkung.

Alles hat seinen Preis. Am Anfang jeder menschlichen Wahl steht eine Abwägung von Ziel und Mitteln. Was tut der Mensch, wenn er sich alles leisten kann? Dann wählt er nur dasjenige aus, was er wirklich haben möchte. Der Einzige, der wirklich frei wählen kann, ist derjenige, der völlig ungebunden ist.

Am Sederabend feiern wir die Mazza, Elend und Freiheit in einem, denn die Mazza ist ‘lechem onni’, Brot des Elends, aber auch ‘lechem scheonim alav dwarim harbé’, Brot, über das wir vieles zu erzählen haben. Mazza ist Elend und Freiheit in einem, Entsagung von allem und gleichzeitig unsere Freiheit. Derjenige, der ohne etwas auskommt, ist am freiesten.

Die Bereitschaft zur Veränderung

Eigentlich sollte die Mazza gegessen werden mit “den Lenden gegürtet, den Schuhen an den Füßen, und dem Stab in der Hand”. Es deutet auf die ständige Bereitschaft vom Menschen hin, seinen Ort oder seine Lage zu ändern. In den Sprüchen der Väter (Pirké Awot) steht geschrieben, dass nur derjenige wirklich frei ist, der sich ohne Unterlass der Tora widmet.

Das Ziel des Auszugs

Was ist das, Tora? Die Tora ist das eigentliche Ziel des Auszugs. Tora im tiefsten Sinne des Wortes bedeutet ein fortwährendes Nachstellen der Einzig Wahren Wahrheit, und zwar objektiv, ohne Vorurteil und Voreingenommenheit. Am schwierigsten fällt es dem Menschen, sich selbst zu ändern; auch der freie Mensch tut sich ungeheuer schwer, eigene Ideen und Glaubenssätze, Gewohnheiten und Ansichten los zu lassen. Er muss bereit sein, seine früheren Sichtweisen erneut zu bewerten und ständig neue Ausgangspunkte einzunehmen. Und dies gelingt am ehesten, wenn er, buchstäblich, völlig ungebunden ist, sogar von solchen alltäglichsten Dingen wie Brot. “Wenn die Juden nur einen Moment gezögert hätten, aus Ägypten wegzuziehen, wären sie nicht befreit worden”, sagen unsere Weisen.

Die Mazza steht für die Unkompliziertheit, sie gleicht dem Mut, den man aufbringen muss, um sich andauernd zu prüfen. Die Wahrheit ist frei von jeglicher Bindung.

Umgang mit dem Negativen

Zusammen mit der Mazza essen wir maror, das Bitterkraut. Der Sederabend lernt uns, wie wir mit dem Negativen in der Welt umgehen sollen. Der Genuss des bitteren Krauts ist an und für sich nach der Tora keine Verpflichtung. Wir streben nicht danach, zu leiden. Nichtdestotrotz betrachten wir unsere Probleme, die uns im Laufe der Jahrhunderte widerfahren sind, auch von der positiven Seite. Das ist Teil unseres festlichen Dankmahls. Wir gehen den Schwierigkeiten nicht aus dem Weg.  Während wir unseren Weg fortsetzen, gehen wir durch einen Wachstumsprozess, der uns letztendlich zu der Wahrheit zurückführt. Dies war die Ganzheit der ägyptischen ‚Erfahrung’.

Die Spirale in der Zeit

Der Maharal von Prag sah das Phänomen der Zeit nicht als lange, durchgehende Linie, sondern als eine Spirale, die immer weiter und in die Höhe führt. Jedes Jahr durchleben wir die gleichen Geschehnisse, die jede Generation unseres Volkes vor uns durchgemacht hat. Es ist ein ‘Zurück zu den Wurzeln’ in einer Aufwärtsbewegung. Die Anziehungskraft von Pessach liegt genau dort –  in der Begegnung mit uns selbst und unserem Ursprung: Freiheit durch Gebundenheit am Höheren.

PESSACH KASCHER WESAMEACH !!!

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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