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ÜBLE NACHREDE – Parascha Behaalotecha

ÜBLE NACHREDE - Parascha Behaalotecha
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ÜBLE NACHREDE

Der Bereich der „üblen Nachrede“ durch Mirjam, am Ende der Parascha dieser Woche, über ihren Bruder Mosche, erzeugt einen tiefen Eindruck. Es war ein sehr spitzfindiges, selbst förmliches „Getratsche“, das Mirjam mit ihrem Bruder Aharon plauderte.

Sie erzählte Aharon, dass Mosche nicht mehr mit Tsippora, seiner Frau, verheiratet sei, da er durchgehend G“ttliche Offenbarungen erwarten konnte und sich andauernd im höchsten Zustand von Kedduscha (Heiligkeit) befinden sollte. Wahrlich ein Kompliment an die Adresse von Mosche Rabbejnu! Sie hätte seine hohe Ebene von Prophetie nicht stärker bekräftigen können.

Mirjam wurde jedoch mit Aussätzigkeit bestraft. Sie gesundete jedoch schnell. Das gesamte Volk wartete auf sie, während sie unter dieser wundersamen, religiösen Krankheit litt. In Dewarim (24:9) erhalten wir die Mitzwa (Anweisung), diese Abhandlung uns für immer im Gedächtnis ein zu prägen: „Sachor – Erinnere Dich, an was G“tt der Mirjam getan hat“.

 

Das mündliche erinnern

Wir sollten uns immer vor Augen halten, was wir von Mirjam für unser eigenes Leben mit nehmen können: „Wie war das mit Mirjam? Sie sprach im Grunde genommen ausschließlich nur positiv über Mosche Rabbejnu. Trotzdem wurde sie bestraft. Wenn wir zum Nachteil eines Jemanden sprechen, dann ist es doch sicherlich so, dass der Tratscher hätte zu recht gewiesen werden müssen!“.

Diese Erinnerung sollte auch gepflegt werden. Sachor bedeutet mündlich erinnern: genau so, wie wir verpflichtet wurden und sind, uns daran zu erinnern, was Amalek uns angetan hat, so sollten wir uns auch daran erinnern, was Mirjam durchstehen musste, um uns im Vorfeld bereits davor zu schützen, dass wir dem Klatsch und Tratsch, also tendenziösem Gerede, Platz einräumen.

 

Die Zunge liegt hinter zwei Wänden versteckt

Wenn man üble Nachrede verbreitet, kann man mit jedem Wort einunddreißig Mitzwot aus der Tora übertreten (siebzehn Verbote und vierzehn Gebote). Besinne Dich, bevor Du anfängst. Die Zunge liegt hinter zwei „Wänden“ versteckt – den Zähnen und den Lippen – da sie ein sich sehr schnell bewegender Körperteil ist und man blitzschnell zu unlauteren Aussagen und unbedachten Äußerungen verfällt. Es ist wichtig, bei jedem Wort darüber nach zu denken, ob man Andere damit verletzen könnte oder in Verlegenheit bringen. Hierdurch beschützt man sich selber gegen viele Fehlschritte.

 

Erniedrigend und abwertend

Wenn erniedrigende und abwertende Bemerkungen auf Wahrheit beruhen, werden sie mit übler Nachrede bezeichnet. Beruhen sie (selbst auch nur teilweise) auf einer Lüge, dann werden sie als „motsi schejm ra“ (Charaktermord) bezeichnet. Dieser Charaktermord ist viele Male schlimmer als die „übliche“ üble Nachrede. Man kann nicht oft genug wiederholen, dass auch stimmende Bemerkungen üble Nachrede sein können. Die Verteidigung oder die Aussage, die man anschließend einbringt, lautet oft: „…Ja, aber es ist wahr…“. Und das ist nun genau, was man als eine Bestätigung von übler Nachrede betrachtet.

 

Quatscher aus Gewohnheit

Jemand, der nur ab und zu üble Nachrede verbreitet, begeht eine schwere Sünde. Aber derjenige, der aus Gewohnheit über andere „schmutziges Wasser“ ausschüttet, ist an einem noch viel schwerer wiegenden Vergehen schuldig. Er missachtet und verwirft andauernd die Gebote G“ttes. Diese „Gewohnheitstiere“ werden von unseren Gelehrten als „ba’alé leschon hara“ bezeichnet (Gewohnheitsquatscher). Der Talmud (B.T. Erechin 15b) erzählt, dass diejenigen, die aus Gewohnheit bösartig quatschen, schwerwiegendere Sünden begehen als Götzendienst, Ehebruch und Mord. Indem man andauernd Laschon Hara, also üble Nachrede, ausübt, übertritt man so viele „Awerot“, so dass ein „Gewohnheits- Miesmacher“ seinen Anteil in der Olam Haba, in der kommenden Welt, verliert, es sei denn, er macht Teschuwa (ehrliche Reue aufweist; T.J. Péa 1:1).

 

Telefon

Die Erfindung des Telefons hat es uns sehr leicht gemacht, um ein Ba’al Leschon Hara zu werden (also ein Profi in übler Nachrede), ohne dass wir uns sehr daran stören. Achte darauf, wenn Du telefonierst. Möchte Dein Gesprächspartner doch böswillig quatschen, solltest Du ihn oder sie zu Recht weisen. Hat das keinen Erfolg, suche dann eine Entschuldigung, um das Gespräch zu beenden –  „sorry, ich muss das Gespräch beenden, es entsteht unmittelbar etwas inzwischen (Leschon Hara)“.

 

Laschon Hara (üble Nachrede) unter Zwang

Es gibt keinen Unterschied zwischen freiwilliger übler Nachrede und übler Nachrede unter Zwang. Indem jemand darauf besteht, dass Du trejfe isst, wird es dadurch nicht koscher! Ein Beispiel aus der Praxis, die mir mit meinem guten Freund David einst geschah, entartete in eine regelrechte Bedrohung.

David glühte vor lauter Neugier, um zu erfahren, wer etwas verkehrt gemacht hatte. „Hör mal, Du kannst es mir doch wohl erzählen. Wir sind doch schon so lange gute Freunde. Ich verspreche Dir, dass ich es nicht weiter erzählen werde. Gib mir nur einen kleinen Hinweis“. Als ich mich weigerte, änderte sich sein Ton: „Wenn Du es mir nicht erzählst, wird es Dir leid tun. Ich werde Dich nicht in Ruhe lassen, bis Du es mir erzählt hast“.

Ungeachtet seines Drängens, konnte ich ihm keine Information geben.

 

Eltern oder Lehrer

Wenn Eltern oder Lehrer Auskünfte über ein Ereignis haben möchten und man weiß, das die Antwort Leschon Hara als Folge haben wird, darf man ihnen nicht antworten, ungeachtet des Gebots „Ehre Deinen Vater und Deine Mutter“. Selbstverständlich sollte man die Weigerung mit Respekt und entsprechender Ehre erbringen. Nur wenn die Information für einen positiven und zum Ziel führenden Zweck erforderlich ist, darf sie erteilt werden. 

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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