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Die Größe und Niedrigkeit des Menschens – Parascha Zaw

Die Größe und Niedrigkeit des Menschens - Parascha Zaw
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Die Parascha beginnt mit der Mizwa von Terumat HaDeschen, wobei der Kohen die Asche des Opfers von dem Vortag entfernen muss. Rabbeinu Bechaya schreibt, dass diese Mizwa die Mida der Demut vor dem HaSchem lehrt, weil der Kohen sich demütigen musste, um diesen scheinbar erniedrigenden Akt auszuführen (siehe 1. unten). Der Kli Yakar fügt hinzu, dass die Asche den Kohen an Awraham Avinus Erkenntnis erinnern sollte, dass der Mensch aus der Staub und Asche (afar v’eifer) herkommt (siehe 2. unten).

Es gibt viele andere Maamrei Chazal, die ebenfalls betonen, wie wichtig es ist, die niedere Natur des Menschen zu erkennen. In Pirkei Avot finden sich zwei Beispiele: „..Wisse, woher du kommst und wohin du gehst… woher kommst du? Von einem faulen Tropfen und wohin gehst du? Zu einem Ort des Staubs, der Fäulnis und der Würmer (siehe 3. unten).” “Rebbe Levyatas, Mann von Yavne, sagt: “Sei sehr, sehr niedergeschlagen, denn Hoffnungen des Menschen sind dazu bestimmt, sich in Verfall zu verwandeln (siehe 4. unten).”

Es gibt jedoch auch eine Reihe von Maamrei Chazal, die sich auf die Größe des Menschen zu konzentrieren scheinen. Die Gemara in Sanhedrin sagt, dass „wer eine Seele unter Israel zerstört, die Tora betrachtet es als ob er eine ganze Welt zerstört hat, und wer eine Seele unter Israel rettet, die Tora betrachtet es als ob er eine ganze Welt gerettet hat (siehe 5. unten).“ In Avot, Rebbe Akiva sagt: „Der Mensch ist kostbar, weil er nach dem Ebenbild geschaffen wurde (siehe 6. unten)“

Bei der oberflächlichen Analyse könnte es scheinen, dass es unter Chazal einen Widerspruch gibt, ob der Mensch auf einem sehr hohen oder sehr niedrigen Niveau ist. In Wahrheit gibt es jedoch keinen Widerspruch, vielmehr spiegeln die Unterschiede in diesen Maamrei Chazal einfach zwei verschiedene Blickwinkel auf die Annäherung an den Status des Menschen wider. Ein Ansatz besteht darin, sich auf den Körper des Menschen zu konzentrieren, der durch niedrige körperliche Wünsche gekennzeichnet ist, und der andere darin, die Seele des Menschen zu betonen, die von beispielloser Größe ist.

Diese Erklärung wird durch eine genauere Analyse der oben zitierten Quellen bewiesen: Der Terumat HaDeschen sollte den Kohen an die flüchtige Natur des Körpers erinnern und ihn daran erinnern, dass er in der “Staub und Asche” endet, aber nicht über die Seele des Menschen sprach. Die Mischna in Avot, die den Menschen ermahnt, sehr, sehr bescheiden zu sein, konzentriert sich ebenfalls auf den Körper des Menschen. Es wird der ungewöhnliche Begriff für den Menschen “Enosch” anstelle des allgemeineren Begriffen “Adam” oder “Isch” verwendet. Dies liegt daran, dass das Wort “Enosch” die niederen Aspekte des Menschen wie seine körperlichen Wünsche darstellt. Die Mischna sagt, dass ein Mensch sich nicht übermäßig stolz auf seine körperlichen Leistungen machen lassen sollte, weil diese, wie alle endlichen Dinge, nicht von Dauer sind. Die Mischna sagt nicht, dass ein Mann das Gefühl haben sollte, von Natur aus wertlos und niedrig zu sein, sondern dass sein Erfolg im Bereich des Gaschmius (physischen Welt) keinen inneren Wert hat. Gleiches gilt für die Mischna, die uns sagt, dass wir uns daran erinnern sollen, dass wir aus einem faulen Tropfen stammen und auf Würmer und Fäulnis zusteuern. Es bezieht sich auf die vergängliche Natur des menschlichen Körpers, diskutiert aber überhaupt nicht seine Seele.

Im Gegensatz dazu konzentriert sich die Gemara in Sanhedrin, die die inhärente Größe jedes Einzelnen betont, auf die spirituelle Größe jedes Menschen. Die Mischna in Avot sagt ausdrücklich, dass die Kostbarkeit des Menschen in HaSchems Augen darauf zurückzuführen ist, dass er im Tzelem Elokim (nach Ebendbild vom G-tt) erschaffen wurde, ein Hinweis auf die Neschama des Menschen. Es ist klar, dass es unter Chazal keine Machloket (Widerspruch) gibt, vielmehr betonen Chazal an einigen Stellen die Notwendigkeit, dass sich der Mensch auf die Niedrigkeit seines Körpers konzentriert, und an anderen betonen sie, wie wichtig es ist, die Größe seiner Seele zu erkennen.

Rav Wolbe zt”l bemerkt, dass viele Leute denken, dass es in der Mussar-Welt tatsächlich Machloket (Widerspruch) gibt, ob der Mensch groß oder niedrig ist. Er lehnt diese Meinung nachdrücklich ab und schreibt, dass beides wahr ist und dass er sich zu verschiedenen Zeiten im Leben auf die Niedrigkeit seines Körpers konzentrieren sollte und zu anderen Zeiten mehr auf die Größe seiner Seele (siehe 7. unten). Es scheint jedoch ein gewisses Risiko zu bestehen, die Niedrigkeit des Menschen zu betonen, ohne ihm eine Wertschätzung seiner inneren Größe zu geben. Wenn eine Person kein gesundes Selbstbild hat, kann die Konzentration auf ihre Niedrigkeit eine sehr gefährliche Wirkung haben. Anstatt ihm klar zu machen, dass er sich über seine körperlichen Leistungen nicht arrogant fühlen sollte, könnte es dazu führen, dass er den Wert seines Wesens in Frage stellen wird. Nur derjeniger, der auf die inhärente Güte seines Wesens eingestellt ist, kann harte Mussar über die Niedrigkeit seines Körpers akzeptieren.

Eine Folge der Betonung der Niedrigkeit des Menschen ist ein Ansatz von Midot HaDin (Eigenschaften des Gerichts), bei denen sich ein Erzieher oder ein Elternteil auf die negativen Aspekte des Talmids (Schülers) oder des Kindes konzentriert. Viele zeitgenössische Pädagogen weisen darauf hin, dass die Menschen in früheren Generationen ein gesünderes Selbstbild hatten und daher der Midot-HaDin-Ansatz verwendet werden konnte, ohne befürchten zu müssen, dass man dadurch den übermäßigen Schaden verursachen konnte. Heutzutage kann eine übermäßig harte Behandlung jedoch dazu führen, dass sich ein Schüler oder ein Kind als wertlos fühlt, was ihm großen Schaden zufügt. In der Tat ist dies ein häufiger Grund, warum junge Menschen den Tora-Derech (Weg der Tora) verlassen, um nach einem Gefühl der Erfüllung und des Selbstwertgefühls zu suchen.

Selbst wenn eine Person das Gefühl hat, dass ihr Talmid (Schüler) oder Kind mit dem strengeren Ansatz umgehen konnte, ist es lehrreich, sich an die Gemara in Sota zu erinnern, die uns sagt: „Immer sollte die linke Hand wegschieben und die rechte näher ziehen (siehe 8. unten).“ Dies bedeutet dass der strikte Ansatz mit der schwächeren linken Hand und der Chesed-Ansatz mit der stärkeren rechten Hand verwendet werden sollte. Die Verwendung des Wortes “immer” durch die Gemara zeigt an, dass dies ein ewiges Prinzip ist und es keine Ausnahmen dazu gibt. In diesem Sinne, glaubt ein bekannter Pädagoge, dass es für jeden kritischen Kommentar zu einem Kind mindestens vier positive Kommentare geben sollte.

Die Parascha lehrt uns, dass ein Mensch sich an die vergängliche Natur des Körpers erinnern sollte. Dies ist eine sehr wichtige Lehre, aber wie wir gesehen haben, ist es nicht die vollständige Lehre. Wir müssen uns auch daran erinnern, dass wir, unsere Kinder und unsere Talmidim (Schülern) einen unglaublichen spirituellen Wert haben. Mögen wir alle es verdienen, das richtige Gleichgewicht zu finden.


Quellen aus dem Text:

1) Zaw, 6:3

2) Zaw, 6:4.

3) Avot, 3:1

4) Avot, 4:4.

5) Sanhedrin, 37a.

6) Avot, 3:18.

7) Hadrach LeLimud HaMussar, s.20.

8) Sota, 47a.

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Written by Rav Yehonasan Gefen

Rav Yehonasan Gefen ist ein Schüler von HaRav Yitzchak Berkovits shlita und Mitglied des The Jerusalem Kollel Gremiums. Rav Gefen verbrachte über 17 Jahre mit dem intensiven Studium der Tora und des Talmuds an der Aish HaTora Institution und The Jerusalem Kollel. Er hat einen Abschluss in Geschichte und Politik an der Universität von Birmingham, Großbritannien. Rav Gefen hat zahlreiche Artikel und Publikationen für Hamodia, Jewish Tribune, Aish.com, Torah.org und weitere Websites verfasst. Seine Werke zum gesamten Spektrum des Judentums inspirieren Menschen auf der ganzen Welt.
Seine Artikel wurden ins Hebräische, Französische, Spanische, Russische und Portugiesische übersetzt.
Rav Gefen hat vier Bücher veröffentlicht.

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