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Diskussion mit dem jüdischen Gelehrten – Teil III

Noach Kuzari
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Kontrast zur eigenen Zeit und Umgebung

Ben Noach: Aber ist das nicht nur gesunde Ehrlichkeit?

Rabbi: Die Tora steht auch vor den besten Werken der damaligen Zeit und Region vor über 3300 Jahren. Die Tora basiert auf den einzigen G-tt, der die Welt mit seinem Wort erschaffen hat. In der Götzenbildnis kämpfen die verschiedenen Götzen um den Ursprung der Welt. Die Tora schreibt über den einen G-tt, das keine Form hat, während die anderen Götzen mit allen Arten menschlicher Züge und Leidenschaften vertreten werden. Die Tora widersetzt sich in einzigartiger Weise der Unterdrückung von Armen und Fremden.

Die Tora öffnet ihren gesetzgebenden Teil, indem sie den Außenseiter anhebt. Die Gesetzgebung zur Sklaverei basiert auf einer sehr humanitären Grundlage. Befürwortet die Tora die Sklaverei? Nein! Unsere Gesetze zu angestellten Knechten und Mägden sind keine Ausbeutung, sondern eine Rehabilitation. Der Dieb wurde nicht ins Gefängnis geworfen. Das würde ihn nur verschlimmern, wenn er mit anderen Verbrechern Kontakt aufnimmt. Er wurde auch nicht von seiner Frau und seinen Kindern getrennt. Das würde den Unschuldigen zu hart treffen. Biblische Sklaverei ist Umerziehung. Er konnte nicht mit Geld umgehen. Er befindet sich in einer reichen Familie, um unter Aufsicht wieder selbständig zu werden.

Seine Frau und Kinder kommen mit und werden auch vom Herrn gepflegt. Auf diese Weise laufen wir nicht Gefahr, dass eine Familie durch den Fehler einer einzelnen Person völlig zerstört wird. Seine Lehnsdienst war nicht für immer. Der Herr durfte keine demütigende Arbeit in Auftrag geben oder ihn Nutzloses machen lassen, so dass der “Vasall” es nicht als Unsinn empfand. Der Herr musste seiner “Dienstfamilie” gutes Essen, Kleidung und einen bequemen Unterschlupf zur Verfügung stellen, genau wie er sich um seine Familie kümmert.

Der Fremde sollte nicht unterdrückt werden (Ex. 22:20). Das Argument lautet: “Denn Sie waren Fremde im Lande Ägypten.” Eine sehr menschliche und oft gehörte Antwort wäre: “Wir wurden verfolgt, dann werden wir andere verfolgen.” Nichts davon ist in der Tora. Im Gegenteil.

Die Leute hatten es nie angenommen

Ben Noach: Aber das klingt nicht mehr als menschlich. Wo ist das g´ttliche Element, das vor mehr als 3000 Jahren über Schriften oder Religionen steht?

Rabbi: Auch die Witwe und die Waise sind recht zügig geschützt: „Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken und bedrängen; denn ihr seid selbst auch Fremde in Mizraim gewesen. Ihr sollt Witwen und Waisen nicht bedrücken. Wirst du sie bedrücken und werden sie zu mir schreien, so werde ich ihre Schreie hören. Dann wird mein Zorn entbrennen, dass ich euch mit dem Schwert töte und eure Frauen zu Witwen und eure Kinder verwaisen werden.“(Ex. 22: 20-23).

Was für ein Mitleid für den leidenden Mitmenschen! Nehme man das Darlehensrecht: „ Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; ihr sollt keinerlei Zinsgeld von ihm nehmen. Wenn du den Mantel deines Nächsten zum Pfande nimmst, sollst du ihn wiedergeben, ehe die Sonne untergehe, denn der Mantel ist seine einzige Decke auf der Haut; wie soll er sonst schlafen? Wird er aber zu mir schreien, so werde ich ihn hören; denn ich bin barmherzig.“(Ex. 22: 24-26).

Ben Noach: Das ist ein markantes Beispiel. Aber ist das das Einzige?

Rabbi: Es gibt viele Beispiele für sehr hohe Moral in der Tora. “Du sollst deinen Bruder nicht in deinem Herzen hassen” (Lev. 19:17). „Du darfst keinen Sklaven übergeben, der dir von seinem Herrn geflohen ist. Er kann bei dir bleiben, in Mitten, wo immer er möchte, in einer deiner Städte, wo er denkt, dass es richtig ist. Du sollst ihn nicht hart behandeln“ (Deut. 23: 16-17). Der moralische Bereich vor mehr als 3300 Jahren war nicht so hoch, dass er vom menschlichen Geist selbst aus dem damaligen kulturellen Umfeld produziert werden konnte.

Es gibt eine unüberbrückbare Kluft zwischen den Ansichten der Umgebung und der Haltung der Tora gegenüber dem Fremden: “Du sollst einen Fremden wie dich selbst lieben, denn ihr wart selbst Fremde in Mizraim” (Lev. 19:34). Es gibt einen immensen Unterschied zwischen dem Einen, dem unsichtbaren G-tt, der das gesamte Universum kontrolliert, und dem Pantheon der Götzen, die die alten Kulturen kontrollierten.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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