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Zedaka, der biblische Zehnte VORWORT UND EINLEITUNG

Zedaka, der biblische Zehnte VORWORT UND EINLEITUNG
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Zedaka, der biblische Zehnte

VORWORT UND EINLEITUNG

VORWORT

Menschen werden regelmäßig von vielen Seiten angesprochen, um für wohltätige Zwecke zu spenden. In vielen Fällen handelt es sich um beträchtliche Beträge, so dass sich der einzelne Spender gelegentlich fragt, wie viel von ihm nach jüdischen Maßstäben pro Zeitabschnitt erwartet werden kann. Diese Frage wurde bereits in den ersten jüdischen Schriften diskutiert. Das Problem dabei ist jedoch, dass diese Schriften, zum Beispiel der Talmud, nicht für jedermann zugänglich sind. Die “alten Quellen” geben oft nur die Hauptlinien an, während die Ausarbeitung vieler praktischer, aber sicherlich nicht unwichtiger Details den Chagamim späterer Generationen überlassen wurde. Jedes Geschlecht hat seine eigenen zeitgenössischen Probleme, auf die in den klassischen Werken nicht immer vorgefertigte Antworten zu finden sind.

Diese Publikation ‘Zedaka, der biblische Zehnte’ soll den Leser mit den Hintergründen und praktischen Regeln der Zedaka als Tat der Nächstenliebe vertraut machen.

Die ersten vier Kapitel behandeln einige der Hintergründe der Zedaka. Ab Kapitel 5 kann der Leser das seit 1750 Jahren dokumentierte jüdische Rechtserbe im Bereich Zedaka aus der Vogelperspektive betrachten.

Ich habe viele Daten aus ‘Ma’aseer: The Precepts of Tithing’ von Joseph Oppenheimer (Shenghold Publishers, New York, 1971), haTswi wehaTsedek von T.A. Bash (Yerushalajim, 1984), Tsedaka uMishpat von Rav Y.J. Blau (Yerushalajim, 1979) und ‘Ma’aseer Kesafim: on giving a tenth to charity’ herausgegeben von Cyril Domb (Feldheim Publishers, Jerusalem/New York, 1980) gezogen. Gerade in dieser letzten Arbeit wird die Antwort von zeitgenössischen Autoritäten wie Dajan J.J. Weiss, Rabbi M. Feinstein zatsal, Rabbi S.Z. Auerbach und Rabbi E.J. Waldenberg auf alle möglichen aktuellen Fragen veröffentlicht. Wo diese modernen Autoritäten zitiert werden, wird für eingehendere Erläuterungen auf die Antworten in den Originalwerken verwiesen.

Das talmudische Zedaka-Steuergesetz ist ein autonomes jüdisches Gesetz und bedarf keiner Erklärung durch andere Rechtssysteme. Dennoch hielt ich es für ratsam, hier und da über das weltliche Steuerrecht zu diskutieren; dies ist wünschenswert, da die Konzepte des niederländischen und des talmudischen Steuerrechts oft abweichen und man einige Kenntnisse des säkularen Steuerrechts haben muss, um den Umfang der Zedaka-Steuerschuld und -pflicht bestimmen zu können. Grundbegriffe des weltliches Steuerrechts wurden zitiert aus ‘The abc of tax law’, W.J. de Langen, Samson Verlag, Alphen aan den Rijn, 17. Auflage, 1976.

TERMINOLOGIE

In dieser Arbeit werden die folgenden Begriffe austauschbar verwendet:

Zedaka (wörtlich: Nächstenliebe oder Gerechtigkeit)

ma’aseer (wörtlich: ein Zehntel)

ma’aseer kesafim (wörtlich: ein Zehntel auf Finanzen)

ein Zehntel, ein Zehnte.

Alle diese Begriffe haben die gleiche Bedeutung: der Zehnte, den wir über Einkommen (und Kapital) zahlen, sofern nicht ausdrücklich anders angegeben. Obwohl der Begriff ‘ma’aseer kesafiem’ formal der korrekteste und genaueste Begriff für unsere Abgaben ist, verwende ich in dieser Arbeit hauptsächlich den Begriff Zedaka, da dieser am weitesten verbreitet ist.

Chessed bedeutet Wohltätigkeit und weist auf jeden Akt der Mitmenschlichkeit im weitesten Sinne hin. In dieser Arbeit wird der Begriff Zedaka nur für finanzielle Abgaben über Einkommen und Vermögen benutzt. Zedaka ist Teil des viel umfassenderen Begriffes Chessed, das zum Beispiel auch die persönliche Fürsorge beinhaltet.

EINLEITUNG

DER PARADOXE MENSCH

Der Drang zum Besitz ist eine grundlegende menschliche Eigenschaft oder Neigung. Im Judentum unterscheidet man pauschal zwei Neigungen, die ‘Jezer hara’ – buchstäblich die schlechte Neigung – die den Menschen zum Erdischen hinzieht und die ‘Jezer hatov’ – buchstäblich die gute Neigung – die den Menschen nach dem Übernatürlichen, dem Erhabenen und dem Geistigen sehnen lässt.

Das Judentum sieht den Menschen als eine paradoxe Kombination von Körper und Seele. Die Kombination der beiden – Körper und Geist, die so oft als gegensätzliche Schöpfungen betrachtet werden – wird im Judentum als etwas Wunderbares erlebt, das das Spezifische und Besondere des Menschseins bestätigt. Einerseits hat der Mensch Eigenschaften dieser Welt in sich, wie sie auch in Pflanzen und Tieren zu beobachten sind – seine menschliche Körperlichkeit und seine niederen Instinkte -, andererseits gehört er durch die höheren Formen seiner Seele zu den erhabeneren Welten. Somit ist er die einzig mögliche Verbindung zwischen beiden. Der gegensätzliche Charakter des Menschen wird – um eine Aussage der Chagamim (Talmudgelehrten) zu zitieren – im Judentum wie folgt beschrieben und empfunden:

„In dreifacher Hinsicht gleicht der Mensch einem Engel und in dreifacher Hinsicht einem Tier; in dreifacher Hinsicht gleicht er einem Engel, weil er wie ein Engel versteht, wie ein Engel aufrecht geht und wie ein Engel sprechen kann. In dreierlei Hinsicht ähnelt der Mensch aber auch einem Tier, denn er isst und trinkt wie ein Tier, vermehrt sich wie ein Tier und scheidet die unbrauchbaren Bestandteile seiner Nahrung wie ein Tier aus“ (B.T. Chagiga 16a).

Dieses ‘Doppelte’ im menschlichen Charakter kann auch in der äußeren Gestalt des Menschen beobachtet werden. Die tote Materie befindet sich in der Erde. Die nächsthöhere Lebensform, die Pflanze, befindet sich mit ihren Wurzeln in der Erde, nutzt sie und kommt aus der Erde. Das Tier, das sich durch eine noch höhere Lebensform auszeichnet, nutzt die vorherigen Kategorien als Nahrung und steht auf der Erde, mit dem Kopf ihr zugewandt. Der Mensch stellt die Verbindung zwischen Himmel und Erde her, weil er alles Vorhergehende nutzt und mit den Füßen auf der Erde steht und mit dem Kopf in der Luft als Zeichen seiner Spiritualität. Der Mensch kann sowohl mit dem Himmel als auch mit der Erde verkehren und sie beide zu ihrem endgültigen Bestimmungszweck führen. Vielleicht hatte Rabbi Akiwa diese große menschliche Qualität im Sinn, als er sagte: “Der Mensch ist geliebt, dass er nach G“ttes Ebenbild geschaffen wurde; als eine besondere Liebe wurde es ihm bekannt gemacht, dass er nach G“ttes Ebenbild gemacht wurde, denn es steht geschrieben: Denn nach dem Ebenbild G“ttes machte er den Menschen“ (Genesis 9:6, Pirke Awot 3:17).

DER SINN DES IRDISCHEN LEBENS

Um Himmel und Erde zu ihrer endgültigen Bestimmung zu führen, wurde der Mensch mit einer Seele ausgestattet. Die G“ttlichkeit der menschlichen Seele kommt in der folgenden talmudischen Aussage, in der ein Vergleich zwischen einer “mikrokosmischen” Größe und dem Schöpfer des Makrokosmos gezogen wird, zum Ausdruck:

*”Wie ist es bei Hakadosch baruch hu (G“tt)? Er füllt das ganze Universum aus; die Neschama (die menschliche Seele) füllt auf die gleiche Weise den ganzen Körper aus.

*Wie ist es bei Hakadosch baruch hu? Er sieht, kann aber nicht gesehen werden; ebenso die Neschama, die sieht, aber nicht gesehen werden kann.

*Wie ist es bei Hakadosch baruch hu? Er nährt (und erhält) die ganze Welt; ebenso nährt die Seele den Körper (und erhält den Körper).

*Wie ist es bei Hakadosch baruch hu? Er ist “tahor‟ (rein); ebenso ist die Neschama rein.

*Wie ist es bei Hakadosch baruch hu? Er ist für den (durchschnittlichen) Menschen (in seiner Welt) kaum erkennbar; so auch ist die Neschama (für die meisten Menschen) ein schwer fassbares Ganzes“ (B.T. Berachot 10a).

Alle Seelen wurden gleichzeitig mit der ganzen Schöpfung erschaffen und warten im Gan-Eden, dem Paradies, bis sie in die materielle Welt in den Körper eines Menschen hinabsteigen können. Denn obwohl sie es angenehm finden, immer bei G“tt zu sein und einen Anteil an der G“ttlichkeit zu haben, haben sie nichts dafür getan. Sie schämen sich für diese ungeteilte Freude, weil sie nicht dafür gearbeitet haben.

Die Seele will daher den Prüfungen des menschlichen Lebens hier auf Erden ausgesetzt werden, um ein eigenes Recht auf ihre Anwesenheit im Gan-Eden geltend zu machen. Durch den Abstieg in einen Körper erfährt die Seele eine enorme Herabsetzung des Niveaus. In Gan-Eden braucht sie sich nicht abzumühen, den Prüfungen des materiellen Lebens zu widerstehen, aber gerade in ihrer irdischen Existenz erreicht sie die Zweckbestimmung, für die sie geschaffen wurde.

Wenn ein Kind geboren wird, verbindet sich diese sogenannte G“ttliche Seele nur teilweise mit dem Körper. Eine andere Seele, die animalische oder natürliche Seele, ist von Geburt an in ihr und sorgt dafür, dass der unbelebte Körper Kraft zum Leben hat. Die letztgenannte Seele gibt dem Körper von den ersten Augenblicken ihres Lebens an Lebenskraft, wie Rabbi Jehuda von seinem Freund Kaiser Antoninus gelernt hat: “Antoninus fragte einst Rabbi Jehuda: ab wann wird die Seele in den Menschen eingepflanzt; ab dem Moment der Empfängnis oder ab einem späteren Zeitpunkt? Als Rabbi Jehuda ihm antwortete, dass sich die Seele später mit dem werdenden Körper verbinden würde, stellte ihm Kaiser Antoninus folgende Frage: Ist es möglich, dass ein Stück Fleisch ohne Salz (in Salzlake) drei Tage lang gut bleibt? Es wird sicher verfaulen! Es muss wohl so sein, dass sich die Seele bei der Empfängnis mit dem menschlichen Körper verbindet. Rabbi Jehuda hannassi verkündete dann, dass er diesen Fall vom Kaiser Antoninus gelernt habe und er brachte später den Beweis dafür aus einem Vers von Hiob” (B.T. Sanhedrin 91b).

Dennoch ist diese primäre Lebenskraft noch nicht die eigentliche Jezer hara. Die eigentliche Neigung zum Schlechten verbindet sich erst bei der Geburt mit dem Menschen. Dieser Sachverhalt kam auch durch den Talmud zu uns: “Antoninus fragte einst Rabbi Yehuda: “Ab wann kontrolliert die Jezer hara den Menschen? Ab irgendeinem Zeitpunkt, in dem sich der Fötus in der Gebärmutter befindet oder erst nachdem das Kind den Bauch der Mutter verlassen hat?“ Rabbi Yehuda antwortete, dass dies wahrscheinlich ab dem Moment der Fall sei, wenn der Körper des Fötus im Bauch seiner Mutter bereits eine menschliche Gestalt angenommen hat. Kaiser Antoninus fragte sich erstaunt, wie das möglich sei; wenn das Kind bereits im Bauch eine Jezer hara hätte, würde es “seiner Mutter einen Tritt versetzen und den Bauch verlassen! Es muss sich wohl so verhalten, dass die eigentliche Jezer hara erst nach der Geburt einen starken Einfluss auf das Kind ausübt. Rabbi Yehuda gab ihm Recht und belegte Antoninus These mit einem Tora-Vers: “Am Eingang lauert die Sünde” (Genesis 4,7).

Diese animalische Seele ist verantwortlich für die sogenannte Neigung zum Schlechten, ein Gefühl beim Menschen, der an sich nicht als schlecht angesehen wird, aber leicht dazu führen kann. Diese Kraft, die sowohl eine emotionale als auch eine intellektuelle Komponente hat, wird durch die G“ttliche Seele im Zaun gehalten. Die Seele manifestiert sich hauptsächlich intellektuell, aber sie hat auch eine emotionale Komponente. Erst zum Zeitpunkt von Bar- oder Bat-Mizwa kann sich diese Seele vollständig manifestieren. “In den ersten dreizehn Jahren seines Lebens ist beim Menschen die Jezer hara stärker als die Jezer-Hatov” (Awot deRabbi Natan 16).

Das Beachten der Mizwot gibt der G“ttlichen Seele, die etwas von der Essenz G“ttes in sich trägt, zunehmend Möglichkeiten, den Körper in Schach zu halten und den richtigen Weg zu beschreiten. Verstöße dagegen, können es der G“ttlichen Seele unmöglich machen, sich weiterhin zu manifestieren. G“tt gab die Torah und die Mizwot dem jüdischen Volk, um die Jezer hara zu bezwingen, zu sublimieren und zu erheben. “Wer ist ein (echter) Held? Wer seine schlechte Neigung zu kontrollieren weiß” (Pirke Awot 4:1). Die Mittel dazu gibt Rabbi Jochanan im Namen von Rabbi Bena’a an: “Das Glücklich ist das jüdische Volk! Solange sie sich mit Tora Studien und karitativen Aktivitäten beschäftigen, wird ihnen der Jezer hara übergeben (d.h. der Jezer hara beeinflusst sie bei diesen Aktivitäten nicht; B.T. Awoda Zara 5b). Letztlich ist es die Absicht, dass die G“ttliche Seele die Führung übernimmt und mit Hilfe der Kräfte der tierischen Seele den Körper weiterbringt. Dies kann bildlich mit einem Reiter auf einem Pferd verglichen werden. Wenn er weiß, wie er das Tier richtig führt, kann es ihn weiterbringen, als wenn er allein schaffen könnte.

Im Talmud wird dies bildlich beschrieben: “Rabbi Shimon ben Elazar sagt: Der Jezer hara ist wie ein Metallklumpen, der ins Feuer gelegt wird; solange der Metallklumpen im Feuer ist, kann man damit (die schönsten) Gegenstände herstellen. Ebenso der Jezer hara; solange er durch das Feuer der Tora kontrolliert wird, ist er formbar (und kann dem Menschen dienlich sein)” (Awot deRabbi Natan 16).

Das Talmudische Menschenbild basiert auf der Anwesenheit beider Seelen im menschlichen Körper. Es ist beabsichtigt, dass auch der Jezer hara den Zielsetzungen der Tora untergeordnet wird. Das Judentum fördert nicht die vollständige Unterdrückung vom Jezer hara; vielmehr ist der Jezer hara dem G“ttlichen Schöpfungsplan mit sanfter Gewalt unterworfen: “Rabbi Shimon ben Elazar sagt: Die linke Hand muss den Jezer hara wegdrücken, aber die rechte Hand muss ihn heranziehen” (B.T. Sota 47a).

Der Jezer hara hat auch positive Seiten: “Rav Shemu’el bar Nachman sagte: der Jezer hatov ist gut, aber der Jezer hara ist SEHR gut. Wie kann das möglich sein? Ohne den Antrieb vom Jezer hara würde der Mann keine Häuser bauen, keine Frau heiraten, keine Kinder hervorbringen und keinen Handel treiben“ (Bereschit Rabba 9). Rav Jehuda sagte: “Auf drei Dingen ruht die Welt: auf Neid, Lust und Mitgefühl” (womit er meint, dass das Wirtschaftsleben und der Erhalt der Spezies ohne den Jezer hara nicht möglich wären; Awot de Rabbi Natan 4).

ZWEI ARTEN DES RELIGIÖSEN ERLEBENS

Diese Unterwerfung kann auf zwei Ebenen erfolgen: Die Neigung zum Schlechten kann der Neigung zum Guten der G“ttlichen Seele untergeordnet werden oder sich selbst zum Guten wandeln, was möglich ist, weil die Neigung zum Schlechten nicht mehr als eine Neigung ist und an sich nicht schlecht ist. Der Jezer hara ist eine enorme Energiequelle, die durch die richtige Ausrichtung zum “Guten” gewandelt werden kann. Auf diese Weise gibt es zwei Formen des religiösen Erlebens.

Bei den gewöhnlichen Menschen dominiert oft die Neigung zum Irdischen. Wenn das so weit geht, dass sich die andere Neigung nicht mehr manifestieren kann, was praktisch bedeutet, dass das Gewissen nicht mehr funktioniert, spricht man von einem völlig schlechten Menschen. Alle anderen, die manchmal etwas falsch machen und viel Gutes tun oder viel falsch machen und gelegentlich etwas Gutes tun, werden als “Schlechte, die Gutes haben” bezeichnet. Die letztgenannten Kategorien sind jedoch in der Lage, sich völlig durch die Neigung zum Guten leiten zu lassen. Dann werden sie “Durchschnittliche‟ genannt, weil in ihnen beide Neigungen aktiv bleiben – im Gegensatz zu den Zaddikim. Ihre gute Neigung setzt sich gewiss fast immer gegen die andere durch.

In diesem Menschenbild wird der Mensch als ein Wesen gesehen, das von Natur aus gut und böse ist und das sein ganzes Leben lang gegen das Böse kämpfen muss, und dabei die Möglichkeit hat, zu gewinnen. Diese Konfrontation mit dem Bösen ist ein Ziel der Schöpfung:

Es war einmal ein König, der die moralischen Fähigkeiten seines Sohnes auf die Probe stellen wollte. Er befahl einer schönen Frau, den Prinzen zu verführen. Obwohl sie sehr gut verstand, dass der König nichts anderes wollte, als dass es ihr nicht gelingen würde, musste sie die Aufgabe so gut wie möglich machen.

In diesem Gleichnis ist die schöne Frau das Böse, das von G“tt mit einer guten Absicht geschaffen wurde und das nur dann dem G“ttlichen Willen entspricht, wenn der Mensch weiß, wie er ihm widerstehen kann. Aus der Geschichte folgt, dass das Böse als Teil der Schöpfung nur so an seine Endbestimmung kommt und dem Guten untergeordnet werden kann. Der Weg, den der Mensch beschreiten muss, ist, alle Vorschriften der Tora, die das Verhältnis zwischen G“tt und dem Menschen sowie zwischen den Menschen untereinander regeln, sorgfältig zu beachten.

AWODA IM SPIRITUELLEN SINNE

Die Tora trägt uns auf, G“tt mit “unserem Herzen zu dienen” (Deut.11:13). Ausgehend von diesem Auftrag der Tora, sagen unsere Weisen im Talmud (B.T. Ta’anit 20a): “Was für ein Dienst ist ein Dienst des Herzens? Das bedeutet Gebet! Aber wie können wir das Gebet als Arbeit ansehen? Man kann an die “Arbeit” denken, G“tt näher zu kommen, aber das gibt keine klare Antwort, denn wie kommen wir G“tt näher? Die Worte des Gebetes allein reichen nicht aus und können nicht als “Arbeit” angesehen werden. Die Arbeit, die während des Gebets geleistet wird, ist auf einer psychologischen Ebene. Das Wort Tefilla kommt vom Wort rechtsprechen, oder beurteilen. Das Wort ist außerdem reflexiv, also geht es um Selbsteinschätzung, Selbstbeobachtung. Tefilla dient dem Menschen dazu, die eigene Persönlichkeit zu bearbeiten, und danach zu streben, ein besserer Mensch zu werden und Haschem näher zu kommen.

AWODA IM MATERIELLEN SINNE

Der Prozess der awoda – die Unterwerfung der tierischen Neigung oder die “Sublimation” und Erhöhung dieser Neigung – erstreckt sich auf viele – wenn nicht alle – Aspekte des täglichen Lebens. Die Tora-Realität unterscheidet sich von der Realität, in der wir uns so vertraut fühlen. Jeder alltägliche Akt hat eine höhere spirituelle Bedeutung.

Zur Veranschaulichung dient eine der alltäglichsten der täglichen Handlungen, das Essen. Nahrung hat bei uns verschiedene Aspekte, wie z.B. Hunger stillen, etwas Leckeres genießen oder den Körper in einen optimalen Gesundheitszustand bringen.

Das Essen im Judentum ist jedoch nicht so einfach, denn das erste, was man tun muss, ist sicherzustellen, dass alle Speisegesetze eingehalten werden, und darüber hinaus darauf zu achten, dass man den richtigen Segen gesprochen hat, bevor man etwas zu sich nimmt. … Aber auch die Nahrungsaufnahme als menschlicher Akt hat im Judentum eine eigene Bedeutung. Diese Bedeutung hängt mit der Ansicht zusammen, dass der Mensch eine “kleine Welt” ist und “von meinem Fleisch aus sehe ich G“ttlichkeit”. Beide letztgenannten Aussagen deuten darauf hin, dass der Mensch, geschaffen im Ebenbild G“ttes, eine Reflexion in materieller Form dessen ist, was sich in höheren Welten befindet.

Durch die Einsicht in den Menschen ist es dann möglich, Einblick in den Kosmos zu gewinnen und in diesem Sinne kann der Mensch als Mikrokosmos im Verhältnis zum Makrokosmos der Schöpfung gesehen werden. Prinzipien, die für unseren Körper grundlegend sind, werden nicht nur als Ergebnis eines natürlichen Zustandes gesehen, sondern erhalten eine grundlegendere Bedeutung. So ist Essen mehr als nur eine Frage der Gesundheit.

Der gesamte Verdauungsprozess, der eine Folge des Essens ist, kann in die Argumentation einbezogen werden. Man kann die Ernährung dann als einen Prozess im Mikrokosmos des Körpers sehen, der anzeigt, was auch im Makrokosmos geschieht.

Was passiert während dem Essen? Dank eines komplexen Stoffwechselsystems wird die Nahrung in gute und schlechte Bestandteile getrennt. Die ersten werden in den Körper aufgenommen und die letzten ausgeschieden. Dies ist ein Prozess, den das kabbalistische Judentum als charakteristisch für die Menschheit in der geschaffenen Welt betrachtet. Denn es ist gerade die Aufgabe des Menschen, im täglichen Leben eine ständige Wahl zwischen Gut und Böse zu treffen, das Gute zu nutzen und das Böse zu vermeiden oder zu bekämpfen. Nur durch die Bearbeitung der Materie kann ein Beitrag zum “Wachstum” des Makrokosmos geleistet werden.

Diese Vorstellung von Nahrung als Illustration dessen, was in einem größeren Ganzen geschieht, stammt notwendigerweise aus der traditionellen jüdischen Gedankenwelt bezüglich der Beziehung zwischen Mensch und Kosmos. G“tt hätte den Menschen genauso gut anders erschaffen können, so dass er nicht hätte essen müssen?

Diese Art der Argumentation ist im Judentum noch stärker ausgeprägt. Alle Körperteile sind von einer der 613 Ge- oder Verbote betroffen, so dass in einigen Fällen auch eine Krankheit mit der Einhaltung oder Nicht-Einhaltung einer Verordnung verbunden sein kann. Sie zeigen auch die Beziehung zum Kosmos an, weil sie Regeln sind, wie man mit diesem Kosmos umgeht.

Im Judentum, das als Religion – im Gegensatz zum Christentum – vor allem auf die Einstellung zum und den Umgang mit dem Materiellen und Irdischen ausgerichtet ist, werden alle Bereiche der irdischen Bemühungen des Menschen nach G“ttlicher Einsicht geregelt. Dies gilt umso mehr für die menschliche Besitzgier oder Territorialität – wie sie in der psychologisch-wissenschaftlichen Literatur genannt wird, da die Besitzgier eine grundlegende angeborene oder erworbene – oder beides – menschliche Eigenschaft ist, die unbewusst einen besonders wichtigen Einfluss auf viele unserer sozialen (und unsozialen) Verhaltensweisen hat.

Bevor ich jedoch die jüdischen Gedanken und Vorschriften bezüglich Territorium und Territorialität beschreiben kann, ist eine psychologisch gefärbte Beschreibung verschiedener Aspekte der menschlichen Besitzgier notwendig. Da Besitzgier und Territorialität im weitesten Sinne auch bei vielen Tierarten anzutreffen sind, bin ich der Meinung, dass die menschliche Besitzgier den tierischen Neigungen des Menschen zuzuordnen ist. Da sich das Judentum in erster Linie auf die Erziehung, Kanalisierung und Erhebung der tierischen Neigungen im Menschen konzentriert, ist zu erwarten, dass die jüdische Tradition eine Fülle von Informationen auf diesem Gebiet enthält.

Der Autor hat festgestellt, dass in den letzten Jahrzehnten relativ wenig über jüdische Ansichten, Richtlinien und Regeln im Umgang mit Eigentum und Besitz veröffentlicht wurde. Die meisten modernen jüdischen Autoren haben diese Lücke im Markt nicht gesehen oder sind nicht näher auf das Thema eingegangen. Aber zuerst eine kurze psychologische Beschreibung der menschlichen Besitzgier.

MENSCHLICHE BESITZGIER: EINE PRIMÄR TIERISCHE NEIGUNG

Es ist bekannt, dass Tiere territoriale “Triebe” haben, was bedeutet, dass sie ihr Territorium auf verschiedene Weise gegen Bedrohungen abgrenzen und verteidigen. Es kann sowohl den Lebensraum als auch Nahrung, Partner, Junge, usw. betreffen. Auch der Mensch kennt diese Besitzgier oder Territorialität. Die Menschen verspüren den Drang, Besitz zu erwerben und bewahren, und wenn der Mensch diesen Drang nicht kontrolliert und kanalisiert, ist der Mensch in dieser Hinsicht dem Tier gleichgestellt.

DAS WESEN DER TERRITORIALITÄT

Obwohl die offensichtlichsten Objekte der territorialen Gefühle das Lebensumfeld und der Besitz sind, können sich diese Gefühle auch in Bezug auf bestimmte (Vor-)Rechte, eine Idee oder eine Person manifestieren.

WARUM WURDE DER MENSCHLICHEN TERRITORIALITÄT SO WENIG BEACHTUNG GESCHENKT?

Vielleicht wurde der menschlichen Territorialität relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt, gerade weil sie so allgegenwärtig ist und als Thema für die wissenschaftliche Forschung ständig übersehen wird. Darüber hinaus umfasst das menschliche Territorium mehr als nur seinen “Besitz”, sondern auch seine gesamte Lebenswelt. Alles, was der Mensch als Besitz erfährt, alles, was er als “sein eigenes” erfährt, wird vom “Territorium” erfasst. Hier fühlt er sich frei und trägt Verantwortung.

Ein kurzes Beispiel für ein immaterielles Gebiet:

Rabbi Jankelowitsch ist ein großer Experte auf dem Gebiet der Mikwaot (Ritualbäder). Mikwaot sind in seiner täglichen Umgebung Teil seines Territoriums. Eines Nachmittags wird das Thema Mikwaot in der Beth-hamidrasch (der Schule oder Talmud-Schule) diskutiert. Rav Shemulewitsch, ein weiterer großer Talmudist – aber kein Experte auf dem Gebiet von Mikwaot – diskutiert mit einigen Kollegen verschiedene Aspekte des rituellen Bades. Allmählich lässt Rav Shemulewitsch die allgemein bekannten Fakten hinter sich und kommentiert einige sehr spezifische Details, die normalerweise von seinem Kollegen Jankelowitsch behandelt werden. Unmittelbar danach wird er von Jankelowitsch durch einige gezielte Bemerkungen in die Schranken gewiesen. Jankelowitsch, der viel besser informiert ist über alle Ins und Outs von Mikwaot, kann mühelos sein Territorium verteidigen. Menschen haben nicht nur einen ausgeprägten Sinn für Territorium, sondern sind auch immer bereit, es zu verteidigen. Diese Bereitschaft kann den anderen durch einen anderen Ton, eine andere Körperhaltung oder durch ein einfaches Schild “Zutritt verboten” angezeigt werden.

DER RIVALITÄTSASPEKT DER TERRITORIALITÄT

“Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist grüner.“ Dies ist ein wichtiger Aspekt, der in den territorialen Gefühlen der Menschheit mitschwingt. Der Mensch widmet seine Energie nicht nur dem Sammeln und Bewahren von “Territorium”, dies geschieht oft in Konkurrenz mit anderen in seiner Umgebung. Diese Rivalität beginnt früher und früher und heutzutage sehen wir unter den kleinen Kindern schon einen wahren Konkurrenzstreit um die schönsten Spielzeuge oder Handys. Von klein auf heißt es auf materiellem Gebiet “Es gibt immer jemanden, der mehr hat”, aber auch auf der geistigen Ebene: wer ist schlauer, sportlicher, kreativer, usw. Wir alle wollen die Besten sein auf unserem “Gebiet”.

DETERMINANTEN MENSCHLICHEN TERRITORIALVERHALTENS.

Die Frage, ob territoriale Neigungen selbst angeboren oder erworben sind, ist noch nicht beantwortet. Dennoch erscheint es mir richtig, Begriffe wie Drang oder Instinkt als Erklärung zu vermeiden.

TERRITORIUM MIT ANDEREN TEILEN

Wir haben immer über das Eigentum, den Erwerb und die Verteidigung dieses Eigentums und den menschlichen Drang dazu gesprochen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch ein urmenschliches Bedürfnis um zu teilen, denn auch wenn wir gerne der Erste sind, ohne ein soziales Umfeld kann man nicht an vorderster Stelle stehen, und so kommt es, dass der Mensch einen starken Wunsch nach Verbundenheit verspürt. Verbundenheit geht mit Teilen einher, denn wenn jeder immer nur an sich selbst denkt und nicht mit anderen teilt, dann ist von einer Gesellschaft keine Rede.

Der eigentliche Austausch von Territorium, wie es beim Geben und Empfangen geschieht, sowie der gewünschte und gefürchtete Austausch, wie es bei Neid und Eifersucht der Fall ist, sind ein wichtiger Grund für Auseinandersetzungen zwischen den Menschen. Einige geben leicht, können aber schwierig empfangen, während andere keine Mühe haben, ein Geschenk anzunehmen, aber schon, um zu schenken. Dieses Unbehagen beschränkt sich nicht nur auf materielle Geschenke. Jeder kennt die traditionelle jüdische Gastgeberin, die, wenn sie ein Kompliment für ein außergewöhnlich leckeres Abendessen bekommt, nervös wird und anfängt, abfällige Bemerkungen über ihre kulinarischen Fähigkeiten zu murmeln.

Die Gründe, warum ein Austausch von Territorium Unbehagen hervorruft, bleiben oft unklar.

Ein alltägliches Beispiel für diese Art von Unbehagen findet sich oft in Restaurants. Zwei Paare gehen zusammen essen. Sie haben Spaß und unterhalten sich rege, bis der Kellner die Rechnung bringt. Plötzlich sind sich allen bewusst, dass die Rechnung auf dem Tisch liegt und das Gespräch verliert jegliche Spontaneität. Verschiedene stereotype Verhaltensweisen können nun folgen. Sie werden in der Regel von den männlichen Mitgliedern der Gruppe durchgeführt, wobei von Zeit zu Zeit auch eine besorgte Ehefrau eingreift. Manchmal kommt es vor, dass die Rechnung stur ignoriert wird und jede Partei nur darauf wartet, dass die andere Partei die Rechnung übernimmt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass jemand heimlich die Hand auf die Rechnung legt und zu sich heranzieht, um anzudeuten, dass er beabsichtigt, zu zahlen; es folgt eine Diskussion, in der jeder den anderen davon überzeugt, dass man seine eigene Rechnung selbst zahlen will. Manchmal kommt es vor, dass jemand die Rechnung sofort und aggressiv wegnimmt, alle Proteste abwimmelt und das Geld selbst hinblättert. Wie dem auch sei, dieses Ritual “Wer bezahlt die Rechnung” sorgt oft für Unbehagen bei den Anwesenden und wirft einen Schatten auf einen ansonsten angenehmen Abend.

Viele gestörte Verhältnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sogar in der Gesellschaft, entstehen durch das Verlangen nach etwas, das jemand anderem gehört, oder durch die Angst, das zu verlieren, was man behalten möchte.

DIE NOTWENDIGKEIT VON BESITZ

Wenn man sich in das Thema des Territoriums vertieft, gibt es eine Tatsache, die offensichtlich und unbestreitbar ist, und deshalb wird sie vielleicht oft übersehen: Um etwas geben zu können, muss man es zuerst besitzen. Bei der weiteren Klärung dieses Themas werden wir uns auf zwei Extreme konzentrieren, an denen man normalerweise die Bereitschaft und Leichtigkeit misst, mit der man gibt.

Ein Extrem ist der Altruismus, der durch das Wort Großzügigkeit gekennzeichnet ist und mit Begriffen wie Offenheit, Menschlichkeit und Vergebung verbunden ist. Das andere Extrem wird als Neid und Eifersucht bezeichnet und bezieht sich auf Gier, Besitzgier, Geiz, Habsucht und Rache.

DIE SCHRIFTLICHE UND MÜNDLICHE ÜBERLIEFERUNG

In der biblischen und mündlichen Tradition gibt das Judentum Anweisungen, Regeln und Ideen darüber, wie das jüdische Volk mit Eigentum und Territorium umgehen soll. Der Umgang mit materiellem und geistigem Eigentum nimmt in den traditionellen jüdischen Quellen einen äußerst wichtigen Platz ein. Die jüdische Tradition beschäftigt sich mit diesem Thema in vielen Bereichen: Nachbarschaftsrecht, Immobilienrecht, (physisches) Eigentumsrecht, Arbeitsrecht, Familienrecht, Sozialrecht, Zinsen, Wohltätigkeit, soziale Dienste, usw. Da es nicht möglich ist, die jüdische Sicht auf all diese Bereiche darzustellen, werde ich mich auf einige Teilbereiche konzentrieren, um die Sensibilität und Tiefe der Heiligen Lehre in verschiedenen Bereichen einigermaßen erschöpfend zu beschreiben. Die Themen, die ich gewählt habe, liegen hauptsächlich im sozioökonomischen Bereich, da dies das Thema des Wettbewerbs ist, in den letzten Jahrzehnten im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand und wenig über diese Aspekte der traditionellen jüdischen Kultur veröffentlicht wurde.

Früher habe ich geschrieben, dass das Judentum “natürliche” Triebe oder grundlegende Neigungen erkennt. Das Judentum lehnt die Verneinung dieser Neigungen ab, versucht aber, diese Neigungen und Triebe anzuheben und auf eine höhere Ebene zu bringen. Der Terminus-Techniker für dieses Unterfangen ist im Judentum “awoda”, was wörtlich übersetzt “Dienst am Höchsten Wesen” bedeutet. Gleichzeitig bedeutet awoda noch etwas mehr; es drückt eine gewisse Anpassung und Verfeinerung der natürlichen oder grundlegenden menschlichen Neigungen aus. Das Judentum fordert seine Bekenner zu dieser gehobenen Aufgabe heraus und begleitet den Prozess der menschlichen Erhebung und Veredelung.

Derjenige, der in der Tora – der Bibel – etwas bewandert ist, weiß, dass die Tora von Privatbesitz ausgeht. Eigentum und Besitz als solche sind nicht “schmutzig”, es sei denn, sie werden falsch verwendet – d.h. auf nicht von der Tora und der Tradition beabsichtigte Weise – oder vielmehr missbraucht werden. Die Erhöhung des Besitzzwangs auf eine höhere Ebene ist das vorrangige Ziel; dies spiegelt sich im Geist wider, der alle gesetzlichen Bestimmungen und Vorstellungen über Armut, Reichtum, Eigentum und Gewinn ausstrahlt.

DIE FUNKTION DIESER ARBEIT IM RAHMEN DES JÜDISCHEN LERNENS

Die jüdische Tradition, Kultur und Geschichte, kurz: die Tora, hat nur eine Vision des “Lernens” und das ist permanentes Lernen, das heißt: Lernen von der Wiege bis zur Bahre. Im 12. Jahrhundert fasste Maimonides diese Vision, frei übersetzt, nach Jad Chazaka (Hilchot Talmud Tora) zusammen: “Es ist die Pflicht des Elternteils, sein Kind zu unterrichten. Wann soll er damit anfangen? Sobald das Kind anfängt zu reden. Im Alter von fünf oder sechs Jahren wird das Kind von einem Lehrer betreut. (….) Jeder Jude ist verpflichtet zu lernen, ob er nun arm oder reich, gesund oder krank ist, im besten Mannesalter oder sehr alt und schwach. Unter den großen Gelehrten waren Holzfäller und Wasserträger. Einige Gelehrte waren blind. Trotzdem lernten sie Tag und Nacht. (….) Bis wann sollte man weiter lernen? Bis zum Tag seines Todes. (….) Von allen Verhaltensregeln, die die Tora kennt, ist nicht eine so wichtig wie das Lernen. Tatsächlich ist Lernen wichtiger als alle anderen Verhaltensregeln zusammen. Weil Lernen zum Handeln führt. Deshalb muss das Lernen dem aktiven Handeln vorausgehen (….). Machen Sie das Lernen zur festen Gewohnheit.

Sag nicht: “Wenn ich freie Zeit habe, werde ich lernen”. Vielleicht haben Sie nie freie Zeit”. So viel zu Maimonides, oder besser gesagt: so viel zur klassischen Literatur, wie durch Maimonides dargestellt. Denn das gerade zitierte Fragment ist nicht die Vision von Maimonides, sondern die klassische Vision des Judentums vom Lernen. Möge dieses Werk seinen Platz in der Tradition des kontinuierlichen “Lernens” finden!

ZEDAKA

Weshalb habe ich das Thema Zedaka gewählt? Dieses Thema bietet ein breites Spektrum an halachischen und philosophischen Gedanken und kann auf eine für jeden verständliche und greifbare Weise dargestellt werden. Es ist gesellschaftlich relevant, denn Zedaka muss von fast jedem mit einem gewissen Einkommen gespendet werden, auch außerhalb des Staates Israel. Zedaka ist auch in unserem nicht-jüdischen Umfeld eine akzeptierte Praxis – man vergleicht die Entwicklung der Sozialgesetzgebung im Westen mit dem Thema Einkommenstransfer in der Wirtschaft des öffentlichen Geldgebers – und die Regulierung dieses Themas hat jüdische Gelehrte aller Generationen beschäftigt.

Sowohl rechtlich als auch philosophisch bietet das Thema Zedaka eine Vielzahl von Vergleichsmaterialien in der nicht-jüdischen Literatur, so dass es relativ einfach ist, eine jüdische Philosophie und einen halachischen Rahmen in Bezug auf die Wohltätigkeit zu entwickeln, da die Details der jüdischen Gedankenwelt in Gegenwart eines nicht-jüdischen Bezugsrahmens, dem die jüdischen Ideen gegenübergestellt werden können, besser sichtbar sind. Gerade in diesem Jahrhundert ist es interessant, den Mehrwert der jüdischen Vision von Wohltätigkeit und Solidarität zu erforschen, denn diese Konzepte sind auch in die säkulare Welt eingegangen und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet worden.

Zedaka wird in der Regel ins Deutsche übersetzt mit Wohltätigkeit. Aber das hebräische Äquivalent von Wohltätigkeit ist Chessed. Wir verwenden das Wort Zedaka anstelle von Chessed, weil diese Wörter unterschiedliche Konzepte ausdrücken. Der Begriff Chessed betont die gute Intention des Spenders. Es ist nicht notwendig, dass der Empfänger die Leistung erhält, und der Spender ist auch nicht verpflichtet, sie zu geben; nur aus Großzügigkeit will man einen Dritten begünstigen.

Zedaka kommt vom Wort Gerechtigkeit, was bedeutet, dass dem Menschen vom Gesetz und der Gerechtigkeitssinn her einen Beitrag abverlangt wird. Im talmudischen Denken gilt der Mensch als besitzlos. Man besitzt Güter eher als Einlagen; alle irdischen Güter sind dem Menschen anvertraut, unter anderem mit der Absicht, gute Werke, zum Wohlgefallen G“ttes, zu vollbringen.

Die hebräische Sprache hat kein eigenes Verb für den Begriff “Haben” oder “Besitzen”. Stattdessen wird eine Hilfskonstruktion mit dem Wort ‘Sein’ verwendet; ‘jesch li – es ist für mich da’. In der religiösen Realität sind Eigentum und Besitz nur Pfande, die G“tt dem Menschen für eine gewisse Zeit anvertraut hat. Außerdem gibt es hier noch ein weiteres Motiv: Jeder ist auf den Allmächtigen angewiesen, der ihn mit allem versorgt, was er braucht. Vom Menschen wird erwartet, dass er dafür eine Gegenleistung erbringt. Der aufgezeigte Weg hierzu, ist, die Armen, Kranken und Bedürftigen zu unterstützen. So wie G“tt dem Menschen nichts schuldig ist und doch gibt, so ist jeder verpflichtet, den Bedürftigen zu helfen, auch wenn man ihnen formell nichts schuldig ist (1).

Jüdisches Denken hat seinen Ursprung in der Tora. Philosophie wird dort nicht konzeptionell formuliert oder systematisch behandelt. Der jüdische Geist ist in erster Linie religiös und nicht rein philosophisch, wie der griechisch-klassische. Die Ideenwelt der Tora ist das religiöse Bewusstsein des jüdischen Volkes. Auch heute noch steht das jüdische Denken auf religiösem Boden; sobald es sich von ihm löst, verliert es seinen spezifischen jüdischen Charakter.

Die Beziehung zwischen Mensch und G“tt in der jüdischen Weltanschauung ist persönlicher Natur, definiert in ethischen Kategorien. G“tt ist nicht nur absoluter Herrscher über die Unendlichkeit der Materie, sondern auch die einzige Quelle absoluter Werte. Das ist der ethische Monotheismus des Judentums.

Typisch jüdisch ist auch die Sichtweise auf Geschichte, die es in der klassischen griechischen Philosophie nicht gab: die Idee der Einheit der Menschheitsgeschichte, die allen Ereignissen, die im Laufe der Jahrhunderte stattgefunden haben, einen Sinn gibt. Unsere Geschichte hat einen universellen Anfang, die Schöpfung, erreicht ihre Mitte in der Offenbarung und schreitet in der Erlösung durch den Maschiach ihr endgültiges Ziel entgegen. Diesem organischen Zeitbegriff wird die Einheit nach dem gleichen Prinzip zugesichert, wie es auch der Einheit der Natur zugesichert wird: die Einheit von G“tt, die die ausschließliche Quelle jedes Lebens und jeder Bedeutung ist.

Im Judentum existiert der Gedanke, dass die Menschheit eines Tages durch den Mashiach aus dem Hause David erlöst wird. Dieser zukünftige Idealzustand gibt der Geschichte der Menschheit in der Gegenwart eine bestimmte Richtung. Die Torah lenkt die Menschheitsgeschichte, auch wenn dies für das Auge nicht sichtbar ist. Auf der zwischenmenschlichen Ebene ist die Mizva von Zedaka dabei ein wichtiger Faktor. Zedaka und Akte der Nächstenliebe im Allgemeinen werden im Talmudtraktat Pirké Awot (1:2) als eine der Säulen der menschlichen Gesellschaft genannt, aber auch als eine der Bedingungen für das Kommen des Mashiach (B.T. Bawa Batra 10a).

Zedaka war auch die Grundlage für das Werden des jüdischen Volkes, wie in der Tora beschrieben: “Awraham wird ein großes und mächtiges Volk sein, und mit ihm werden sich alle Nationen der Erde segnen, denn ich habe ihn erwählt, damit er seine Kinder und seine Familie nach ihm weiht und sie dem Weg des Ewigen folgen, indem sie Zedaka und Gerechtigkeit tun….” (Genesis/Bereschit 18:18-19). Das Ideal des Zedaka zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des jüdischen Volkes und spielt dabei eine zentrale Rolle.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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