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Einführung in die Trauerregeln und Trauerpraktiken Teil 8 Jahrzeittag und das Gedenken der Toten

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6. Jahrzeittag und das Gedenken der Toten

Im Judentum wird davon ausgegangen, dass trotz des Todes ein Band zwischen dem Verstorbenen und seiner Familie besteht. Die klassischen Quellen deuten darauf hin, dass die Seele etwa ein Jahr lang im Gehinnom (der “Hölle”, die Vorhalle zum Jenseits) bleibt, bevor sie zum Gan-Eden, dem Paradies, hinübergeht.

1. Das Steigen der Seele

Das Kaddisch, welches das ganze Jahr von der engsten Familie gesprochen wird, hat die Absicht, die Seele der Verstorbenen immer weiter aufsteigen zu lassen, damit sie schneller ins Paradies gelangen kann. Angesichts dieses “Aufstiegs der Seele” nimmt die engste Familie das Lernen der gesamten Mischna (Mündliche Lehre) auf sich, indem sie diese während des Jahrs nach dem Tod lernt. Die Konsonanten des Wortes Mischna sind identisch mit dem hebräischen Wort für Seele, Neschama.

Mit dem Erlernen der Mischna für das Seelenheil des Verstorbenen durch die nächsten Angehörigen, leistet man seiner Neschama einen großen Verdienst, der den Aufstieg zu den Toren des Paradieses beschleunigen kann. Nach einem Jahr des Reinwaschens, sozusagen in der Hölle, wird die Seele im Paradies aufgenommen.

Das ist der Jahrzeittag. Die Familie kommt dann meistens zusammen und verbringt den Tag mit Fasten, Lernen und Beten. Eines der Familienmitglieder geht bei gemeinsamem Gebet nach vorn und ein oder mehrere Familienmitglieder werden zur Tora gerufen. Man entzündet das Jahrzeitlicht als Symbol für die aufsteigende Seele. Sie besuchen auch das Grab am Jahrzeittag und sprechen dort einige Gebete. Obwohl der Vortrag des Kaddisch den verstorbenen Eltern hilft, ist dies nicht der größte Verdienst für die verstorbenen Eltern. Das Wichtigste ist, dass Kinder den richtigen Weg gehen und dadurch Verdienste für ihre Eltern schaffen. Eltern sollten ihre Kinder anweisen, die Ge- und Verbote der Tora strikt einzuhalten. Wenn die Kinder dies tun, ist es für die verstorbenen Eltern besser als das Kaddisch’143. Das Wesen der Jahrzeit besteht darin, Inspiration in Leben und Wirken des verstorbenen Familienmitglieds zu finden144.

2. Jahrzeitlicht

Am Jahrzeittag wird während des gesamten Zeitraums von 24-Stunden, vom Abend, wenn die Jahrzeit beginnt, bis zum folgenden Abend, ein Jahrzeitlicht angesteckt. Dieses Licht darf auch dann nicht gelöscht werden, wenn es länger als die vorgeschriebene Zeit brennt. Das Licht symbolisiert das Seelenlicht, wie König Salomo sagte: “Ein G’ttliches Licht ist die Seele des Menschen.“ Am Jahrzeittag (dem Jüdischen Datum des Todes) durchreist die Seele des Verstorbenen die Welt. Es ist üblich, auch ein Jahrzeitlicht in der Synagoge anzuzünden (oder anzünden zu lassen). Nach mystischer Überlieferung erfreut sich die Seele an diesem Jahrzeitlicht, das zu ihren Ehren angesteckt wird. Bevorzugt wird eine Öllampe oder eine Wachskerze. Das hebräische Wort ’Ner’ (Kerze) hat den Zahlenwert 250 und steht den 248 menschlichen Gliedern, seiner unteren und höheren Seele, zusammen 250, gegenüber. Wenn nicht anders möglich, kann auch ein elektronisches Jahrzeitlicht verwendet werden.

Wenn die Jahrzeit für beide Elternteile am gleichen Tag ist, muss man trotzdem zwei Jahrzeitlichter anstecken. Grundsätzlich muss jedes Kind sein eigenes Jahrzeitlicht anzünden. Wenn man vergessen hat, ein Jahrzeitlicht am Jahrzeittag anzustecken, dann spendet man den Wert eines Jahrzeitlichts an einen armen Menschen. Eheleute sollen keine Jahrzeitlichter zum Gedenken an ihre verstorbenen Ehepartner anzünden, insbesondere nicht in Anwesenheit ihrer derzeitigen Partner.

3. Positive Erinnerungen und Inspiration

Nachdem wir alle Phasen der Trauer und des Kummers durchlaufen haben, ist mit der Jahrzeit die Zeit für die positive Erinnerung und Inspiration angebrochen. Der Verstorbene lebte ein Leben, das durch viel gutes Wirken geprägt war, obwohl dies unterbrochen wurde, ist es nicht beendet. Im Gegenteil, die Toten bestehen im Geist weiter im Kopf; seine Werke werden vollendet.

4. Schwager-Ehe (Jibum)

Dieser Gedanke findet sich in den Kommentaren des Zohar wieder145. Dort heißt es, dass der Mensch nach dem Tod nicht von seinen Wurzeln auf der Erde gerissen wird, weil seine Kinder seine Rolle im Leben fortsetzen. Wenn ein Mann kinderlos stirbt, bleibt seine Mission auf Erden unerfüllt; um eine solche Tragödie zu verhindern und das Band des Verstorbenen mit dem Leben zu bewahren, hat die G’ttliche Weisheit entschieden, dass die kinderlose Witwe sich wieder verheiratet, mit dem Bruder des Verstorbenen und mit ihm Kinder bekommt. Das Kind, das aus dieser Schwager-Ehe hervorgeht, wird zum Nährboden für die Seele des Verstorbenen, damit seine Mission auf Erden durch das Kind der Witwe und der nächsten Familie fortgesetzt werden kann (im Buch Ruth ist dies ein wichtiges Thema).

5. Gibt es im Judentum einen Totenkult?

Das Judentum hat keinen Totenkult, aber es erkennt die Bedeutung der Einheit und Solidarität der Familie an. Die Toten haben weiterhin eine Bedeutung, nicht nur im Geist, sondern auch in der Praxis; nicht im negativen Sinne, wie im Falle fremder Völker in Form von Todesanbetung oder aus Angst vor den Geistern, sondern im positiv-praktischen Sinne.

So bleiben Gräber und Erinnerungen “wichtige Ankerpunkte in der Realität unserer Existenz”. Wir können um den Teil von uns selbst trauern, der dort begraben ist; wir können den lebendigen Teil von uns selbst, gestärkt durch die Liebe der Person, die wir verloren haben, neu bestätigen und aufbauen “146. Der Jahrzeittag ist eine jährlich wiederkehrende neue Weihe des Lebens zum Gedenken an den Verstorbenen.

6. Das Erinnern der Toten in der Synagoge (Jiskor)

Zugleich wird in der Synagoge in regelmäßigen Abständen an den Verstorbenen erinnert. Früher war es üblich, dies nur am Großen Versöhnungstag zu tun. Deshalb besteht der hebräische Begriff für den Großen Versöhnungstag, Jom ha-Kippurim, aus einer Pluralform, wörtlich: der Tag der Versöhnungen, für die Lebenden und die Toten147. Später geschah dies auch an anderen besonderen Tagen. Die Gemeinschaft erkennt öffentlich die Bedeutung und das Wirken der Vorfahren an. Das Judentum ist keine Erfindung unserer Zeit, es ist ein langsam wachsendes und komplexes System, an dem alle früheren und zukünftigen Generationen teilnehmen, bis wir das ewige Leben mit der Ankunft des Maschiach sehen können, hoffentlich bald, noch in unseren Tagen!

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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