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VON ANDEREN LERNEN IST EINE LEBENSEINSTELLUNG – PARASCHA KI TEZE

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VON ANDEREN LERNEN IST EINE LEBENSEINSTELLUNG

„Seid mit der Plage Lepra vorsichtig, erinnert Euch, was HaSchem, Euer G“tt, mit Mirjam gemacht hat, auf dem Weg, als Ihr aus Ägypten ausgezogen seid“ (Deut. 24:8-9). Raschi (tausendvierzig bis elfhundertfünf) erklärt uns dazu, dass wir mit Laschon Harah, mit übler Nachrede, vorsichtig sein sollen.

Wir sollten von Mirjam lernen. Mirjam wurde mit Lepra, also mit Aussatz bestraft, als sie – sei es nur nebenbei – üble Nachrede bezüglich ihres Bruders Mosche verbreitete.

Ab unserer frühesten Jugend lernen wir von Anderen. Prof. Marco Iacoboni (Italien) schrieb ein Buch über das spiegelnde Gehirn. Spiegelneuronen fördern unsere Fähigkeiten, uns hinein zu versetzen. Über diese Neuronen machen wir das Verhalten Anderer nach. Wir nehmen Andere in unser eigenes ich auf. Durch Interaktion mit unserer Umwelt wachsen wir.

Dank der Spiegelneuronen können wir die Bewegungen Anderer nach machen und uns in den Schmerz eines Anderen hinein versetzen. Unsere Spiegelneuronen stellen selbst das Ziel der Tätigkeiten Anderer fest und können sich damit identifizieren. Ein Baby schaut zu seiner Mutter und lächelt. Die Mutter lächelt zurück. Das Gehirn des Babys vergleicht dann das eigene Lächeln mit dem Anblick des Lächelns eines Anderen.

In den Pirkee Avot (Sprüchen der Väter (4:1)) steht: „Ben Soma sagt: wer ist weise? Der, der von jedem lernt.“ Ein gescheiter Mensch wird selbst Menschen, die nicht so bewandert sind wie er, ehren, denn er schämt sich nicht, von Jedem etwas zu lernen (Raschi). Weisheit bedeutet neue Inspiration erfahren, Kenntnisse, die von Oben oder von Außerhalb, von Anderen kommen.

Wenn jemand über viel Wissen verfügt, aber keinen Bedarf an mehr Weisheit hat, ist er kein Weiser, sondern jemand, der sich selbst zum Narren macht. Wenn man der Weisheit (also Bildung und Wissensspeicherung) nach jagt, wird man ein Chacham genannt (wovon das Chochem oder Chuchem, als jiddisches Wort, oft einen anderen Sinn ergibt). Obwohl man wenig weiß, geht es um den Sinn des Lebens. Du bist schon weise, wenn Du danach strebst, die reine Wahrheit zu erreichen. Ben Soma (erstes Jahrhundert) vermerkt als Kommentar, dass ein gescheiter Mensch die Weisheit so sehr umschwärmt, dass er selbst bereit ist, von Menschen, die sich weit unterhalb seines Niveaus befinden, zu lernen (Rabbejnu Jona, zwölftes Jahrhundert).

Ben Soma fragt: „Wer darf auf seine Weisheit stolz sein?“. Derjenige, der von jedem etwas an nimmt. Er oder sie machen sich keine Gedanken über seine oder ihre Koved (Ehre). So jemand darf auf seine Weisheit stolz sein, denn er sieht in Wissen ein Mittel, um G“ttes Gloria zu verbreiten. Er missbraucht Klugheit und Wissen nicht, um sich selber, zur Mehrung der eigenen Gloria, auf die Brust zu schlagen (Bertinoro, sechzehntes Jahrhundert).

„Von allen, wo ich lernen durfte, bin ich weise geworden“ (Psalm 119:99). König David sagte: „Ich habe von jedem, der mich etwas unterrichten wollte, gelernt, aber ich schämte mich nicht“ (Raschi). Rabbejnu Jona fügt dem hinzu: „Wenn wir etwas verloren haben, werden wir jeden bitten, uns beim Wiederfinden behilflich zu sein. Dabei achten wir nicht auf den Status des Helfenden. Ein gescheiter Mensch wird auf gleiche Weise versuchen, die Weisheit zu suchen“.

Der Alter von Kelm (1824-1898, Litauen) besagt, dass das so nicht von selbst erfolgt. Wir sind bei der Aufnahme von dem, was in unserer Umgebung erfolgt, eingeschränkt. In der Regel konzentrieren wir uns auf unsere eigene berufliche Entwicklung oder auf andere Interessen. Ein Zahnarzt schaut sich die Zähne an, ein Physiotherapeut sieht jedermanns Haltung, ein Schneider sieht nur, wie die Kleidung sitzt und ein Psychologe schaut nur nach unserer Psyche. Möchten wir wirklich von Jedermann etwas Neues lernen oder erfahren, dann müssen wir auf alle Einzelheiten des Anderen achten. Das kostet Anspannung, da wir uns tatsächlich in den Anderen hinein versetzen müssen.

Aber wir können auch aus der Fauna, der Tierwelt, viel lernen. Unsere Weisen sagen uns, dass wir, bevor wir die Thora bekamen, von den Katzen Bescheidenheit, das Verbot des Diebstahls der Ameisen und die Treue der Tauben lernen müssen. (B.T. Eruvin 100b).

Wir können selbst von Sündern lernen. Raschi besagt, dass die Hauptkapitel über den Nasir (der keinen Wein trinken darf) und der Sota (eine der Unzucht verdächtigen Frau) deshalb in Numeri Hauptabschnitt 5 und 6 so nah hinter einander behandelt werden, da jeder von haltlosen Menschen lernen sollte, sich nicht an dem Getränk zu vergreifen, um nicht vom Bösen auf noch tiefere Stufe zu verfallen.

Wenn wir Andere sündigen sehen, können wir sehr böse werden und mit erhobenem Finger umher wedeln. Aber wir können uns auch bewusst werden, dass wir viel von Anderen über Lebensmodelle lernen. Da wir Anderen sehr ähneln, können wir von ihnen lernen, wie wir selber eine bessere Wahl treffen sollen. Du erhältst Einblick, wie Du Dein Leben besser gestalten solltest.

Das Schönste wäre natürlich, wenn Du ein Beispiel vor Dir hast, das Dich bewusst oder unbewusst auf den richtigen (religiösen) Weg geleitet, Du durch sein oder ihr Vorbild die richtigen Verbindungen wählen lernst, die richtige Wahl bei Deiner Arbeit zu machen lernst und Dich zu einer wirklich integeren Person werden lässt. Wirklich von Anderen Lernen ist eine Lebensart, eine Gesamtaufgabe, die Dein gesamtes Leben formt. Das lernen wir aus der Lepra von Mirjam … und das geht ein Leben lang mit.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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