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Tabernakel: der Begegnung zwischen Zeitlichkeit und Überzeitlichkeit, Örtlichkeit und Überörtlichkeit, Endlichkeit und Unendlichkeit – Parascha Wajakhel

Einweihung des Tabernakels - Parascha Schmini
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                                                                                           בסייד

Im Heiligtum konnten wir dem G’ttlichen begegnen. Das G’ttliche wird als Ein Sof, die unendliche G’ttlichkeit, beschrieben. Das irdische Tabernakel war der Ort der Begegnung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, Zeitlichkeit und Überzeitlichkeit, Örtlichkeit und Überörtlichkeit.

wir sind nur eine abgeleitete Realität

Im Allerheiligsten nahm der Begriff des Ortes keinen messbaren Raum mehr ein. Dort wurde der Mensch mit dem Nichts konfrontiert, das realer ist als die greifbare Welt. Der wahre Glaube besteht darin, dass G’tt die einzige wirkliche Realität ist, so seltsam dies in unserer Erfahrungswelt auch klingen mag. G’tt existiert wirklich und wir sind nur eine abgeleitete Realität, ein `spin-off’ des G’ttlichen Willens und Denkens.

Schleier der Natur durchdringen

Die unsichtbare G’ttheit existiert viel mehr als die ganze konkrete Welt, die in unseren Augen aus Fleisch und Blut so wie in Stein gemeisselt real erscheint. In den letzten hundert Jahren haben wir viele technische Wunder erlebt, weil wir uns in die Geheimnisse der Natur vertieft haben. Noch größere Wunder werden wir erleben, wenn wir in der Lage sind, den Schleier der Natur zu durchdringen und direkten Kontakt mit dem G’ttlichen hinter der G’ttes-Finsternis dieser Welt aufzunehmen.

sich selbst völlig vergessen

G’ttes Unendlichkeit ist jenseits aller Vorstellungskraft. Im Tabernakel wurde der Mensch mit dieser “absoluten Undifferenziertheit” und Unendlichkeit konfrontiert.

Wenn der Mensch sich mit diesem G’ttlichen Aspekt, der im Tabernakel wirkte, identifiziert, kann er sich selbst völlig vergessen, Zeit und Ort überschreiten und in eine spirituelle Welt eintauchen.

keine Unabhängigkeit

Solange wir an diese materielle Welt gebunden sind und denken, dass wir “etwas” sind, kann G’tt sich nicht an uns binden, denn G’tt ist unendlich. Im Tabernakel verstand der Mensch, dass das Wesen des Dienens G’ttes ein Zustand der empfänglichen Demut ist.

Unsere Entschlossenheit für den Schöpfer bedeutet, dass wir keine Unabhängigkeit haben. Dies ist die Essenz der Ehrfurcht vor G’tt. Als Mosche am brennenden Dornbusch mit dem G’ttlichen in der Welt konfrontiert wurde, bedeckte er sein Gesicht. Er entdeckte, dass er keine unabhängige Identität hat, weil alles in der Welt Teil des G’ttlichen ist.

Gtt benötigt den Tempel als Wohnstätte nicht

Niemand kann die wahre Essenz von G’tt sehen. Im ganzen Universum ist  kein Engel zu finden, der genau weiß, wo sich G’tt aufhält. Das ist es, was die Engel in der “Keduscha” fragen: “Wo ist der Ort Seiner Herrlichkeit?” Alle irdischen, menschlichen Beschreibungen von G’ttes Wirken in dieser Welt bedeuten weder, dass G’tt einen Körper hat, noch dass Er das Tabernakel oder den Tempel als Wohnstätte benötigt.

Alles im Tabernakel verweist auf höhere Welten

Obwohl wir nach G’ttes Ebenbild geschaffen sind, gibt es absolut keinerlei Ähnlichkeit in Form oder Struktur zwischen G’tt und uns. Wenn G’tt uns im Tabernakel bestimmte Formen vorschreibt, haben alle diese “Kelim” – Attribute und Gegenstände – nur eine symbolische Funktion. Alles im Tabernakel verweist auf höhere Welten.

Symbol für alles Geschaffene, das HaSchem geweiht ist

Vergleichen Sie diesen Gedanken mit der Funktion des Alphabets. Wenn jemand mit Buchstaben Ja’akow, den Sohn von Jitzchak, schreibt, bilden die Buchstaben nicht die Struktur oder das Wesen des echten Ja’akow, des Sohnes von Jitzchak, sondern nur eine Gedächtnisstütze. Die Wörter sind ein Symbol für die zugrunde liegenden Einheiten. Weil G’tt uns reinigen wollte, hat er den Bau des Tabernakels als “Mikrokosmos” für das gesamte Universum vorgeschrieben, als Symbol für alles Geschaffene, das dem Allerhöchsten geweiht ist.

Himmlische Struktur widerspiegelt sich in unserem Körper

Das Gleiche gilt für unseren Körper. Im Midrasch wird das Tabernakel mit dem menschlichen Körper verglichen. G’tt hat in unserem Körper verschiedene Organe und Gliedmaßen geschaffen, die in gewisser Weise Symbole für die G’ttliche Struktur sind.

Zweck der Architektur des Tabernakels

Wenn es uns hier auf der Erde gelingt, unseren Körper, der eine Art wandelndes Tabernakel sein soll, zu reinigen, zu heiligen und zu läutern, wird die „Himmlische Struktur”, die sich in unserem Körper widerspiegelt und die sich auch im Tabernakel widerspiegelte, erhöht. Dies war der Zweck der Architektur des Tabernakels und der Durchführung des Tempeldienstes.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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