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Viduj – Warum klopfen wir für fremde Sünden? – Yom Kippur

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An Yom Kippur befinden wir uns fast den ganzen Tag in der Synagoge und beten. Wahrscheinlich der wichtigste Teil des Gebets an Yom Kippur ist das Viduj – das lange und ausführliche Sündenbekenntnis. Insgesamt 10 Mal sagen wir es, fünf Mal im stillen Gebet und wieder fünf in der Wiederholung des Vorbeters. Nach den meisten Meinungen der Rischonim (mittelalterliche halachische Autoritäten und Kommentatoren) ist es ein Gebot von der Torah an Yom Kippur das Viduj zu sprechen. Es stellt sich die Frage, was ist so besonders am Viduj, dass die Autoren des Gebets es für nötig fanden, es so zahlreich ins Gebet zu integrieren und warum gehört es zu unserer hauptsächlichen Aufgabe am Yom Kippur?

Um dies zu verstehen, müssen wir uns zuerst die Natur des Menschen näher ansehen: Der Mensch neigt dazu, seine Fehler und schlechten Taten zu rechtfertigen und versucht sich stets der Verantwortung zu entziehen. Er sieht sich immer im Recht und gibt sich schwer damit ab, seine Schuld einzugestehen. Unsere Weisen haben dies schon vor langer Zeit erkannt und in einem Satz zusammengefasst: אין אדם רואה נגעי עצמו „Ein Mensch sieht nicht die eigenen Geschwüre“ (Traktat Negaim Kap.2 Mischna 5). Außer der einfachen Bedeutung, dass ein Mensch nicht für die Bestimmung der eigenen spirituellen Unreinheit geeignet ist, liegt darin auch ein tieferer Sinn, dass ein Mensch generell seine Unvollkommenheiten nicht sehen will und kann.

Aus diesem Grund ist es der erste Schritt der Tschuva (Rückkehr zu G´tt) zuzugeben, dass man etwas Falsches getan hat und sich dafür verantwortlich fühlt, anstatt sich wie immer zu rechtfertigen und die Schuld jemandem anderen in die Schuhe zu schieben. Erst nachdem ein Mensch zugegeben hat, dass er gesündigt hat, kann er es bereuen und G´tt um Verzeihung bitten und darum geht es an Yom Kippur.

Unsere Weisen lehren im Talmud (Schabbat 56a und Sanhedrin 107a), dass König David genau aus diesem Grund die Monarchie nicht entnommen wurde, obwohl er mehrmals gesündigt hatte, wobei König Schaul sein Königtum schon nach einem Mal verlor. Sobald der Prophet Nathan König David damit konfrontierte, dass er mit Bat Scheva gesündigt hat, gab er dies gleich zu und sagte „Ich habe gegen G´tt gesündigt“. König Schaul hingegen versuchte sich zu rechtfertigen und schob die Schuld auf das jüdische Volk.

Das Verhältnis der Monarchie zur selbstkritischen und demütigen Einstellung des Königs liegt auf der Hand, denn nur ein Mensch, welcher bereit ist, seine Schuld einzusehen, es auch bereuen und um Vergebung bitten kann. So einem Menschen kann G´tt sogar mehrere Sünden vergeben, denn niemand ist perfekt und auch gerechte Menschen irren sich manchmal. Aber ein Mensch, welcher sich seiner Schuld nicht bewusst ist und keine Verantwortung für seine Taten übernimmt, kann auch nicht die Verantwortung für das ganze Volk übernehmen, sodass er nicht für den Posten des Königs geeignet ist. Deshalb verlor König Schaul schon nach einer Sünde seine Monarchie.

Deshalb ist Viduj an Yom Kippur so wichtig, denn nur wenn ein Mensch seine Schuld vor G´tt offenbart besteht die Hoffnung, dass G´tt ihm verzeihen und reinigen wird. Dennoch stellt sich die Frage, warum muss es gesagt werden? Wenn es nur darum geht, seine Schuld zu erkennen und seine schlechten Taten zuzugeben, hätte es nicht gereicht, wenn es jeder in Gedanken machen würde? Wir wissen und glauben, dass G´tt ohne Probleme unsere Gedanken lesen kann und es ihm keinen Unterschied macht, ob es laut gesagt oder „leise“ gedacht wird?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Rabbiner S.R.Hirsch in seinem fundamentalen Werk Horeb (Par. 514): Er schreibt, dass uns Menschen die ganze Zeit Gedanken durch den Kopf wirbeln, aber so schnell wie sie kommen, verschwinden sie auch. Solange die Gedanken nicht in Worte gefasst werden, haben sie keine Beständigkeit und somit auch keinen Einfluss auf den Menschen. Deswegen müssen bei diesem Prozess die Gedanken in Worte formuliert und so lange wiederholt werden, bis der Mensch sich selbst davon überzeugt, dass so eine „perfekte“ Person wie er/sie, etwas falsch gemacht hat und jetzt die Zeit gekommen ist, sich dafür zu entschuldigen.

Wenn wir uns den stilistischen Aufbau des Sündenbekenntnisses näher ansehen, merken wir, dass es nach der Reihenfolge des hebräischen Alphabets sortiert ist. Sowohl der erste und kurzgefasste Teil, als auch der zweite und ausführliche Teil folgen diesem Prinzip. Wie auch alles andere, was unsere Weisen machen, hat auch dies eine Bedeutung, besonders nachdem wir die Wichtigkeit des Vidujs verstanden haben.

Die einfache Erklärung, welche von Basiswerk zur Erläuterung des Gebets Iyun Tefilla gegeben wird, ist, damit es leichter ist, es sich einzuprägen. Diese simple, doch logische Erklärung leuchtet ein, aber die Meister der Kabbala (Lehre der jüdischen Mystik) offenbaren uns eine viel tiefere und grundlegende Erläuterung:

Die Taten des Menschen, sowohl gute, als auch schlechte, beeinflussen nicht nur ihn selbst, seine Familie und seinen Umkreis, sondern auch die ganze Welt. Die Kabbala lehrt, dass es außer unserer materiellen Welt noch viele weitere spirituelle Welten gibt, die wir Menschen nicht sehen können. Jedoch hängt die Existenz dieser zahlreichen Welten von uns Menschen ab (natürlich ist es G´tt, welcher die Existenz aller Welten sichert, aber er schuf eine gewisse Abhängigkeit dieser Welten vom Verhalten der Menschheit). Nicht nur die Menschheit als Gesamtheit beeinflusst das alles, sondern auch jeder einzelne Mensch. Wenn der Mensch Gutes tut, anderen hilft und wohltätig ist, baut er diese Welten aus und vervollständigt sie, wenn er aber sündigt, hat dies Zerstörung und Chaos in den höheren Welten zur Folge (Nefesch HaChaim).

Wie auch alles andere, wurden diese Welten durch die Worte G´ttes erschaffen, wie genau, ist nur den Meistern der Kabbala bekannt. Die Worte G´ttes bestanden aus Buchstaben und weil Hebräisch die Sprache G´ttes ist, folgt daraus, dass alles, was existiert, mit den Buchstaben des hebräischen Alphabets erschaffen wurde. Deswegen ist das Sündenbekenntnis nach dem hebräischen Alphabet sortiert, um zu symbolisieren, dass der Mensch mit seinen Sünden die höheren Welten zerstört hat, welche mit Hilfe dieser Buchstaben erschaffen wurden. Dies soll den Menschen lehren, wie schwerwiegend seine Taten sind und wie wichtig es ist den Schaden wiedergutzumachen.

Eine weitere Frage, welche viele beschäftigt, warum wir Sünden erwähnen, welche wir (zumindest unserer Meinung nach) niemals gemacht haben? Es stimmt, dass wir zugeben nicht perfekt zu sein, aber so schlimm, wie es im Sündenbekenntnis zu stehen scheint, sind wir auch nicht. Wäre es nicht besser, wenn jeder nur seine eigenen Sünden aufzählen würde, anstatt eine ganze Liste von Sünden zu lesen, die wir nicht zu bekennen haben?

Hier gibt es ebenfalls eine praktische Erklärung, dass es die menschliche Natur ist, Sachen zu vergessen. Deswegen haben unsere Weisen eine Liste von Sünden erstellt, welche der Durchschnittsmensch im Laufe des Jahres macht, um uns an mögliche Sünden zu erinnern, welche wir vergessen haben.

Aber es gibt eine weitaus tiefere Erläuterung, warum wir Sünden aufzählen, die wir nicht gemacht haben: Wie schon zuvor erwähnt beeinflusst der Mensch mit seinen Taten nicht nur sich selbst, sondern auch sein Umfeld. Ohne sich in den mystischen Aspekt dieses Einflusses zu vertiefen, können wir dies auch auf unserem Niveau verstehen, dass unser Verhältnis zu G´tt, zu seinen Geboten und generell zur Moral andere Menschen beeinflusst und ihre Werte ändert. Ein bekannter Mensch hat einen breiten Kreis von Menschen, welche von ihm beeinflusst werden, ein regulärer Mensch weniger, aber jeder von uns übt Einfluss auf andere Menschen aus. Sodass es sein kann, dass wir mit unserem Verhalten andere zum Sünden verleitet haben und dafür verantwortlich sind. Aus diesem Grund erwähnen wir auch Sünden, die wir persönlich nicht getan haben, weil wir möglicherweise die Schuld für sie tragen.

Das lange Sündenbekenntnis ist für viele eine Last und Bürde. Wieder und wieder muss man sich beugen, bis der Rücken wehtut, klopfen und klopfen. Aber wenn man die Wichtigkeit und die Bedeutung dieses Gebets versteht, hilft es sich zu konzentrieren und vielleicht die Chance zu nutzen, seine Taten wirklich zu bereuen und die vollkommene Reinigung und Gnade G´ttes zu erlangen!

Quelle: Jüdische Rundschau

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Written by Rav Dovid Gernetz

Der Autor wurde in Dnepropetrowsk, Ukraine geboren und ist in Berlin, Deutschland aufgewachsen. Er studierte zwei Jahre in einer Yeshiva in Zürich, Schweiz und anschließend zwei Jahre in einer Yeshiva in Gateshead, England. Seit seiner Hochzeit lebt er in Telz Stone in Israel.
Der Autor ist Vertreter von Imrey Deutschland e.V und verantwortlich für diese Website. Außerdem gibt er wöchentlich den Judentum.Online-Newsletter heraus und veröffentlicht zahlreiche Beiträge zu Themen rund ums Judentum.

Sprachen: Russisch, Deutsch, Englisch, Hebräisch

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