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Die Opfer (Fortsetzung) – GEBET TEFILLA – Teil 11

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Opfern heißt: das Niedrigere mit dem Höheren in Kontakt bringen

VERSCHIEDENE OPFERARTEN

Es gibt viele Arten von Opfern, und jedes Opfer hat seinen eigenen Sinn und Hintergrund. Wir werden einige Beispiele nennen:

Rinderopfer gelten als Versöhnung der Verehrung des goldenen Kalbes, die nicht nur in der Wüste stattfand, sondern auch früher und später in übertragbarem Sinne bis heute geschah. Mit anderen Worten, das Rindopfer beseitigt die psychische Störung des goldenen Kalbes. Was früher eine Avera (das goldene Kalb) war, wird jetzt als Tikkun (Verbesserung) verwendet (eine Kuh als Opfergabe).

„Ola“ – Brandopfer werden als Versöhnung für ungesunde Gedanken angesehen, während „Chatat“ – Sündopfer Versöhnung für unrechtmäßige Handlungen bietet. Deshalb wird die Ola zuerst in der Tora behandelt.

Das Wort Schelamim  (Friedensopfer) hat Schalom (= Frieden) und Schalem (= vollständig) als Stamm. Ein Teil der Schelamim wurde auf dem Altar verbrannt, ein Teil wurde den Kohanim übergeben und ein Teil wurde vom Besitzer verzehrt. Friedensopfer machten alle glücklich. Es ist daher sowohl ein “vollständiges” als auch ein friedensstiftendes Korban.

Rückwirkung

Ist es möglich, dass wir Vergebung für unsere Sünden erhalten? Ja G’tt ist über der Zeit und kann daher Fehltritte und falsche Absichten aus der Vergangenheit rückwirkend korrigieren.

Wie funktioniert die Versöhnung? Der Kohen Gadol (Hohepriester) oder die Privatperson, die ein Opfer brachte, legte seine Hand auf das Opfertier, so dass es als eine Art Ersatz für seine Sünden und die Sünden des Volkes geladen wurde. Durch diesen symbolischen Akt wurde das Tier in uns, das uns zur Sünde brachte, sozusagen dem G´ttlichen geopfert.

Opfern heißt: das Niedrigere mit dem Höheren in Kontakt bringen

Die grundlegende Bedeutung des Wortes Opfer – “Karav” auf Hebräisch – ist näherrücken. Opfern heißt: das Niedrigere mit dem Höheren in Kontakt bringen; das ist die Versöhnung. Sobald die höhere und die niedrigere Welt vereint sind, wird der Bruch mit G’tt aufgehoben. Der Opferdienst hinterließ einen tiefen Eindruck: Was beim Opfertier ersatzweise passiert, soll eigentlich dem Menschen passieren. Eine Mauer, eine Barriere zwischen Mensch und höchstem Wesen wird niedergerissen. Diese Vereinigung und neue Einheit ist Versöhnung. Der Mensch ist mit einer guten und einer schlechten Tendenz erschaffen und es ist die materielle, irdische Tendenz, die uns immer von G-tt entfernt.

Da diese Entfremdungskraft ständig abnimmt, ist immer eine Versöhnung erforderlich.

Anstrengung von unten

Wenn man sich in der Nähe des G´ttlichen befindet, kommt man automatisch zur Ruhe, man wird automatisch “gewaschen”. Versöhnung bleibt ein Geschenk von Oben, das wir allein letztendlich nicht erreichen können. Anstrengung “von unten” bleibt jedoch obligatorisch. Wir müssen etwas dafür tun: Umkehr (Teschuva), Tsedaka (Wohltätigkeit) und Gebet (Tefilla). Der “Reinigungstag” schlechthin, Jom Kippur, wird manchmal der Tag der fünf Gebete genannt, zwei mehr als die drei täglichen Gebete.

Die fünf Gebete stehen den fünf Ebenen der Seele gegenüber, die dann aktiv sind:

-die physische Seele (Nefesch),

-die spirituelle Seele (Ru’ach),

-die g´ttliche Seele (Neschama),

-die Quelle des Lebens (Chaja) und

-die Vereinigung der Seele mit G’tt (Jechida). Auf höchster Ebene geschieht das mystische Wunder der Vereinigung mit G-tt, symbolisiert durch den Hohenpriester, der einmal im Jahr das G´ttliche im Allerheiligsten erlebt hat. Dies macht Jom Kippur zum “reinigenden Höhepunkt” in der jährlich wiederkehrenden Serie der Chagim (Feste).

Versöhnung heute: Tsedaka

Heute, nach der Zerstörung des Tempels, erfolgt die Versöhnung ohne Opfertiere, sondern durch Tefilla (Gebet), Reue (Selbstanalyse, verbales Bekenntnis des Glaubens (Viddui) und Versprechen auf Besserung für die Zukunft) und Nächstenliebe (Tsedaka). Nach dem Talmud – der mündlichen Praxis des Judentums – hat Tsedaka (Wohltätigkeit) die gleichen Hintergrundgedanken wie das Opfer. Man kann arbeiten, um ein Einkommen zu verdienen, aber man kann auch die Absicht haben, die Armen und Bedürftigen mit einem Teil des verdienten Lohns zu unterstützen.

Bei allen anderen Mitzwot (Tora-Aufgaben) gilt, dass in der Regel nur ein Teil des Körpers an der Ausführung des Gebotes beteiligt ist. Die ganze Person ist daran beteiligt, Tsedaka im Rahmen unserer täglichen Arbeit zu bezahlen. Durch die Spende von Tsedaka wird die Anstrengung des “ganzen Menschen” zu einem engagierten Charakter. Wie bei einem Opfer erhält unser irdischer Teil eine höhere Weihe.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

Das menschliche und das G’ttliche Gesetz – Parascha Mischpatim

GESCHICHTE: Mischkan und Mikdasch – GEBET TEFILLA – Teil 12