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DREI SCHLÜSSELERKLÄRUNGEN ZU PESSACH

DREI SCHLÜSSELERKLÄRUNGEN ZU PESSACH
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Im Judentum hat alles einen tieferen Sinn. Jeder kann sich dem anschließen. Pessach ist mehr als nur Stress durch den Frühjahrsputz und das gemütliche Miteinander, bei dem wir mit vielen Freunden Mazzes knabbern und vier Becher Wein trinken. Halachot (religiöse Vorgaben) beinhalten nicht nur praktische Aussagen. Alle Regeln haben einen spirituellen Gegenpart.

1. Mazzot backen und Chametz suchen

Beim Backen von Mazzot ist Geschwindigkeit erforderlich. Ab dem Moment, bei welchem Mehl und Wasser zusammen gerührt werden, dürfen lediglich 18 Minuten verstreichen, bis die Mazzah fertig gebacken aus dem Ofen rollt. Wir unternehmen alles Mögliche, um alles kühl zu halten, so dass der Teig weniger schnell aufquillt. Somit darf die Sonne nicht direkt in die Fertigungsräume scheinen. Das Wasser für die Mazzah muss bereits am Abend davor entnommen und in einem kalten Behälter aufbewahrt werden, damit es etwas kühler als im Brunnen ist.

Weshalb sündigen wir so viel und so oft? Weshalb sind unsere Absichten oft so unlauter? Das kommt, sagt der Talmud, durch „die Hefe im Teig“. Es ist unsere Yetzer Hara, unsere unersättliche Neigung zur irdischen Ausdehnung und unser Hochmut.

Chametz ist gegorener Teig. Er symbolisiert Sturheit, Eigenwahn und aufgeplusterte Eitelkeit. Chametz ist auch ein Symbol für unsere Neigung nach „immer mehr Besitz und Luxus“.

Ein Mal jährlich sollen wir uns von jeder Fesselung an irdischen Genüssen und materiellen Strebungen lösen. Versklavung ist Sklaverei – Freiheit bedeutet, an diese Dinge ungebunden zu sein.

Die Geschwindigkeit beim Backen von Mazzah zeigt auf, dass wir uns mit unseren Mitzwot (Geboten) und unserem geistigen Wachstum beeilen müssen, bevor die Yetzer Hara uns einholt und uns davon überzeugt, dass wir besser etwas anderes tun könnten.

Bedika – Das Suchen und Prüfen

Am Abend vor dem Tag vor Pessach (d.h. am Abend zwischen dem 13. und 14. Nissan, in diesem Jahr am 29. März 2018) suchen wir nach Chametz. Wir fangen hiermit sofort nach Einbruch der Dunkelheit an, also nach Ende des Tages und Vorabend des nächsten Tages. Man sucht ausschließlich mit einer einzelnen brennenden Kerze aus Wachs. Wir suchen nach Chametz in allen Räumen, in denen das Chametz womöglich hingekommen sein könnte.

Wir machen das Haus „Pessach-sauber“, nach bestem Wissen und Gewissen. Dabei dürfen wir nicht übersehen oder vergessen – bevor wir in unserer Sauber-Machen-Euphorie unsere Gedanken ausschalten -, dass die Sucharbeit Stunden über Stunden dauern kann und eigentlich eine irdische Widerspiegelung der psychischen Suche nach allerhand unangemessenen Charakterzügen und hässlichen Eigenschaften ist.

Wir suchen mit einer Kerze aufgrund des Passuk (des Verses): „unser Geist ist wie eine Leuchte von HaShem (G“tt), die alle versteckten Ecken unseres Innersten untersucht“ (Sprüche 20:27).

Wir dürfen kein Chametz besitzen, da ein Fäuleprozess durch Hinzufügung von Hefe entsteht, bei dem geschmackloses Wasser und Mehl zu herrlichem Brot wird. Chametz symbolisiert einen verdorbenen Geist und muss sorgfältig untersucht und entfernt werden.

2. Jeder Einzelne ist Teil des Auszuges aus Ägypten, hat aber eine einzigartige Beziehung zu HaSchem

„in jeder Generation ist jeder Mensch verpflichtet, sich selber so zu betrachten, als ob er selbst aus Ägypten ausgezogen sei“.

Dieser Gedanke basiert auf dem Passuk „Erzähle es Deinen Kindern an jenem Tage: so erinnere ich daran, was HaShem (G“tt) mir erwiesen hatte, als ich aus Ägypten auszog“ (Ex.13:8).

Wir sind Teil eines Volkes, aber auch Einzelpersonen. Die Zehn Gebote stehen in Singular, da jeder individuell durch G“tt angesprochen wird. Nachmanides (13. Jahrhundert) vermerkt, dass jeder persönlich angesprochen wird um klar zu stellen, dass das Judentum hauptsächlich eine persönliche Verpflichtung ist und dass jeder für sein eigenes Verhalten Verantwortung trägt. Das Leben innerhalb der Gemeinschaft ist sicherlich äußerst wichtig, aber letztendlich dreht sich alles um das Individuum.

Als Individuum sind wir Bestandteil eines größeren Ganzen, aber das größere Ganze ist auch wiederum für jedes Individuum geschaffen worden (wie paradox das auch klingen mag). HaShem pflegt eine ganz persönliche Beziehung zu jedem von uns, was uns zu einer innigen Verbindung zum Allmächtigen anregen müsste.

Ägypten wird auf Hebräisch „Mizraim“ genannt, was vom Stamm Metzarim, Grenzen, kommt. Der Auszug aus Ägypten kann auf psychologischer Ebene als der Ausstieg aus unseren eigenen Beschränkungen übertragen werden. Wenn wir das auf uns selber beziehen, bedeutet der Ausspruch, dass „wir in jeder Generation dazu verpflichtet sind, uns selber zu betrachten, als ob wir aus Ägypten hinausgezogen sind“, dass dieses ein Teil unseres Egos, unserer Selbstbetrachtung, geworden ist. Jedes Mal müssen wir unsere Triebe verdrängen, uns von ihnen lösen. Dieses wurde unser Inhalt, zu einem Bestandteil unseres idealen Selbstbildnisses. Das empfindet jeder Mensch ein wenig auf andere Weise. Jeder nimmt seine geistige Befreiung und seine Spiritualität auf eine andere Art war. Dafür muss Spielraum und Achtung bestehen. Es handelt sich um Dein Versprechen für geistiges Wachstum und sprießende Spiritualität in Deiner einzigen und eigenen Welt. Das ist der Inhalt des Pessach-Empfindens.

3. Volk aus einem Volk

HaShem führte uns aus Ägypten – nicht durch einen Mittelsmann, denn G“tt selber in Seiner Gloria hat uns befreit“

Bereits in Ägypten glaubten die Hebräer, dass sie ein eigenes Volk seien, getrennt von den Ägyptern. Aus dem selben Becher, aus dem ein Ägypter Blut trank, trank ein Hebräer oder eine Hebräerin einfaches Wasser. Bei den Hebräern war die Helligkeit, das Licht, aber bei ihren Nachbarn herrschte absolute Finsternis. Jedoch hielten die Hebräer noch viel zu viel an der ägyptischen Kultur fest und mussten, wie ein Kalb aus dem Bauch seiner Mutter, aus ihrer götzendienerischen Umwelt herausgezerrt werden.

Deshalb mussten sie auch durch G“tt selber erlöst werden. Ein Engel hätte nicht die Kraft gehabt, um die Hebräer vollständig aufzuweichen und sie aus ihrer umgebenden Kultur herauszubrechen. Daran erinnern wir uns jedes Jahr wieder neu. Da wir uns stets aus unserer Bequemlichkeit lösen müssen, die wir gefühlsmäßig als Einheit mit unserer Umwelt empfinden, müssen wir, jeder Generation wieder und jedes Jahr – und eigentlich jeden Tag und jede Minute – ins Bewusstsein einschärfen, dass wir von der uns umgebenden Kultur losgelöst stehen und eine ganz eigene, einzigartige und selbständige Aufgabe haben. Dieses ist der wahre, jährliche und eigentlich tägliche Yetziat Mizraim – Exodus. Wir müssen uns jedes Mal wieder komplett von allen diesen Selbstverständlichkeiten lösen, die letztendlich nicht die Grundlage unseres wahren, authentischen und zutiefst empfundenen Jüdischen Gefühles bilden: ein Volk, das von allen hässlichen Umwelteinflüssen befreit ist und stolz darauf ist, dass seine essentielle Identität aus der Verbundenheit zu HaShem besteht, in allen Lebenslagen und unter allen Bedingungen.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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