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Leid und Schmerz, Vergnügen und Beleidigung – Parascha Bo

Leid und Schmerz, Vergnügen und Beleidigung - Parascha Bo
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„HaSchem sprach zu Mosche: „Geh zu Pharao, denn ICH habe sein Herz und das seiner Diener vollständig verhärtet, auf dass ICH MEINE Zeichen unter Ihnen werde zeigen können“ (Ex. 10:1).

Die Parascha steht immer im Zeichen der Aktualität.

G“tt darf Menschen beleidigen, aber Menschen unter einander dürfen das nicht. Der Pharao wird durch den Allmächtigen eingehend erniedrigt. Nicht nur in seiner Zeit, sondern bis auf den heutigen Tag haben wir zu verdeutlichen: „Und Du sollst Deinen Kindern und Deinen Enkelkindern erzählen, was ICH den Ägyptern angetan habe und welche Zeichen ICH unter denen gesetzt habe, damit Ihr wissen sollt, dass ICH G“tt bin“ (Ex. 10:2).

Das Jüdische Gesetz verbietet Tratsch und Beleidigungen. Die Meinungsfreiheit bedeutet nie, dass Du Deine beleidigende Frustration gegen jemand anderem austoben darfst. Aber das beruht außerdem auf Gegenseitigkeit.

Die Anerkennung der und der Respekt vor den Rechten und Freiheiten eines anderen sollte jeder, der Rechte für sich selber einfordert, immer vor Augen haben.

Essenz der Gesetzgebung

Dieser Anfang als Leitmotiv wurde im Talmud bereits von Hillel verfasst, als er von einem Heiden gebeten wurde, die gesamte Thora zu unterrichten, auf nur EINEM Fuß stehend. Hillel sprach: „Was Du nicht möchtest, was Dir geschieht, füge das auch einem Anderen nicht zu. Dieses ist die Essenz der Gesetzgebung – der Rest ist Auslegung“ (B.T. Schabbat 31a).

Selbstbeschränkung

Die Gesetzgebung ist auf Selbstbeschränkung ausgerichtet. Selbstbeschränkung ist letztendlich die Anerkennung und der Respekt vor den eigenen Rechten.

Die Freiheit der Meinungsäußerung sollte also sehr sorgfältig genutzt werden, der Umgang damit eingehend überlegt werden. Selbst Mosche  und Aron – obwohl sie Gesandte von G“tt waren – mussten sich dem Mörder Pharao jedoch mit viel Ehrenbezeugung nähern. Andere in den schlimmsten Farben zu malen ist durchweg in jedem Rechtsstreit verboten. Dann gilt das doch sicherlich für Angelegenheiten, die ganze Bevölkerungsgruppen ernsthaft belasten.

Relativierung und ein geringer Selbstspott waren bei uns jedoch immer Bestandteile unserer Tradition. (Wir Juden nehmen uns selber auf den Arm, mit einem Augenzwinkern). Aber das ist unser eigener Verdienst. Dass Andere das nicht erbringen können, können wir ihnen nicht immer vorwerfen. Nein, es gibt kein Recht, um (unnötig) zwischenmenschlich zu verletzen. Aber G“tt darf Menschen in die Schranken weisen. Und das erfolgte auch in Ägypten.

Das Leid und der Schmerz sind unvergleichbar. Naqba und Auschwitz dürfen nie verwechselt werden. Daher ist auch jegliche Art von Schadensfreude bei uns verboten. Keine jubelnde Menge  auf den Dächern von Tel-Aviv, als Israel endlich – nach 8 Jahren von Bombardierungen – versucht, den Bombennestern endlich das Schweigen auf zu legen“: „Freue Dich nicht, wenn Dein Feind fällt“ (Sprüche 24:17). Sukkot heißt Seman Simchatejnu (die Zeit unserer Freude).

Freue Dich nicht, wenn Dein Feind fällt

Aber an Pessach rufen wir unser Simcha nicht lauthals hinaus. Wir feiern unsere Unabhängigkeit nach dem Exodus (also unsere Befreiung von der Sklaverei). Aber da dieses zu Lasten der Ägypter, unserer Peiniger, erfolgte, jubeln wir nicht. Bei der Benennung der 10 Plagen tauchen wir unseren Finger am Sederabend in den Wein, um zu zeigen, dass wir nicht froh oder fröhlich sind, auch nicht über die Opfer der Gegenseite. Davon können unsere Neffen oder Cousins noch eine Menge daraus lernen (gemeint sind die Feinde in den verschiedenen Gebieten um Israel herum, aber auch in vielen anderen Ländern der Welt).

Wir sind das Volk des Buches. Auf längerem Zeitraum betrachtet, dürfen wir uns nicht auf das Niveau unserer Feinde herab lassen. Die Jüdische Solidarität ist die einzige Überlebensstrategie, die vor dreitausendvierhundert Jahre ihre Früchte erzeugte und noch immer nachwirkt. Glücklicherweise ist die Solidarität auch jetzt noch groß. Die Identität des Jüdischen Volkes in Ägypten äußerte sich in vier Dingen; sie änderten ihren Namen und ihre Sprache nicht, waren auf sexuellem Gebiet zurückhaltend und es gab unter ihnen keine Verräter (Wajikra Rabba 32:5).

Alle diese Aspekte deuten auf Einheit und Zusammengehörigkeit. Niemand wollte diese Einheit durchbrechen, selbst wenn das Festhalten viel Leid bedeuten würde.  Deshalb behielten sie auch ihre Namen. Denn damit kommt ihr Volksauftrag zur Geltung: Re’uwen – da dieses aufzeigt: „ICH habe das Elend Meines Volkes gesehen“, Schim’on – denn das zeigte auf, dass: „ICH deren Geschrei gehört habe“, usw.

Iwrith als gemeinsame Sprache vereinigte das Volk weiter. Keine einzige Verfehlung auf sexuellem Gebiet wurde toleriert. Das anständige, saubere Familienleben ließ Assimilation außen vor. Und es gab keine Verräter. Maimonides schreibt: „Verräter brauchten unter denjenigen, die als Zeugen ungeeignet waren, überhaupt nicht erwähnt zu werden. Schlechte Menschen werden benannt und ausgeschlossen, aber diese Menschen haben an der kommenden Welt keine Teilhabe. Selbst wilde Tiere kennen noch eine gewisse Solidarität, da sie ihre eigene Gattung nicht angreifen“.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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