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Weshalb sitzen wir im Herbst in der Sukkah?

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Weshalb sitzen wir im Herbst in der Sukkah?

(Es steht: leschew baSukka, also wir sollen sitzen und nicht stehen).

Steht nicht in der Thora, dass wir sieben Tage lang „in Hütten wohnen sollen, damit Eure Nachkommen wissen sollen, dass ICH die Kinder Israels in Hütten habe wohnen lassen, als ICH sie (mit starker Hand) aus dem Land Ägypten herausgeführt habe?“

(Lev. 25:42-43)

Der Auszug war im Frühling. Es wäre richtiger gewesen, Sukkot gleichzeitig mit Pessach zu feiern, das Fest des Exodus. Weshalb betreten wir unsere ärmlichen Hütten erst sieben Monate später?

Rabbi Ja’akov Ascheri (1275-1340) rang mit diesem Problem schon im Mittelalter.

Rabbi Ascheri erbrachte eine originelle Antwort, die den tieferen Sinn unserer Mitzwot (Gebote) ins Licht der Scheinwerfer rückt.

Der Monat, in dem der Auszug erfolgte, der jüdische Monat Nissan, ist ein Frühlingsmonat, der Anfang der warmen Jahreszeit, in dem auch Nicht-Juden ihre Häuser oder Wohnungen zeitweilig verlassen, um zu Zelten oder um ihre Sommerbleiben wieder in Ordnung zu bringen.

Im Monat Tischri beginnt der Herbst; jeder kommt in seine feste, ständige Wohnung, ins Haus, zurück. Genau in diesem Augenblick macht der Jude das Gegenteil. Er tauscht sein warmes zu Hause gegen eine wackelige Laubhütte.

So verdeutlichen wir, dass wir nur aus einem einzigen Grund in Sukkot (Plural von Sukka), also in Laubhütten, wohnen, da G“tt uns dieses befohlen hat.

Keine Ferien oder Erholungszeit, sondern damit unsere Kinder wissen sollen, dass „ICH, G“tt, die Kinder Israels in Sukkot habe wohnen lassen“.

 SÜDLICH DES ÄQUATORS (SPRICH: EJKWATORS)

Die soeben genannte Erklärung gibt den Juden, die südlich des Äquators leben, keine befriedigende Antwort.  Für sie beginnt der Frühling mit Sukkot, dem Laubhüttenfest!

Bemerkenswert ist, dass niemand weniger als Raschi (1040-1105, einer unserer größten Thora-Gelehrten und Erklärer), der sich immer die EINFACHE Erklärung der Thora-Aussagen als Ziel setzte, sofort bei den Worten „dass ICH, G“tt, die Kinder Israels in Hütten habe wohnen lassen“, besagt, dass hiermit überhaupt keine Hütten aus Holz und Schilf gemeint seien, sondern vielmehr die „Anané Hakawod“,

die Wolken der G“ttlichen Herrlichkeit, die das Jüdische Volk während seiner vierzigjährigen Wüstenwanderung auf so wundersame Art geschützt haben.

Raschi musste sich wohl auf diese verständliche Erklärung beschränken, denn sonst hätte sich jedes fünfjährige Kind – für die er sein  Kommentar geschrieben hatte – sofort gefragt, wo die Juden in der Wüste denn hätten Holz sammeln können, um sich richtige Hütten zu bauen.

In Fortsetzung oder besser gesagt, als weitere Sichtweise auf diese Erklärung, meint der berühmte Gaon von Wilna (1720-1797), weshalb wir Sukkot, also das Laubhüttenfest, ausgerechnet im Herbst begehen (am 15. Tischri, fünf Tage nach dem Grossen Versöhnungstag). 

 Die G“ttlichen Wolken hatten die Juden seit dem Auszug begleitet:

–          fünfzig Tage später erhielten sie die Thora.

–          Mosche blieb danach vierzig Tage und Nächte auf dem Berge Sinai und

–          kehrte zurück (am 17. Tamus) und sah das Volk, tanzend um das goldene Kalb, wieder, worauf er die Steinernen Tafeln zerschmetterte. Die Untreue des Volkes hatte die G“ttlichen Wolken vertrieben.

 –          Achtzig Tage später, zu Jom Kippur (Grosser Versöhnungstag, 10. Tischri), verzieh G“tt die Sünde des goldenen Kalbes  und Mosche stieg vom Berg Sinai mit dem zweiten Paar Steinerner Tafeln hinab.

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–          Am nächsten Tag, dem 11. Tischri, versammelte Mosche „die gesamte Gemeinde der Kinder Israels“ und gab ihnen den Auftrag, das Mischkan, das transportable Stiftzelt, d.h. den Tabernakel, als Zeichen der Verzeihung der Sünde des goldenen Kalbes, zu bauen.

Die Vorbereitungen dauerten vier Tage und am 15. Tischri wurde mit dem Bau des Tabernakels begonnen. Sukkot (Laubhüttenfest) wird am 15. Tischri gefeiert, da dann erst die G“ttlichen Wolken der Beschützung zurückkehrten, die die Juden bis zum Einzug ins Heilige Land begleiten würden.

Es sind gerade diese Wolken, die so gedenkwürdig sind, da sie den G“ttlichen Schutz symbolisieren, die sich das Jüdische Volk aus eigener Kraft verdient hatte, indem es Bedauern zeigte und Einkehr vollzog, nach einem Zeitraum des Abfallens vom Glauben und G“ttlosigkeit.

Unsere Weisen lehren uns, dass jemand, der zu Einkehr gelangt und aufrichtige Reue, also Bedauern, zeigt, höher steht als derjenige, der immer gerecht gehandelt hatte und nie strauchelte.

Die Auslegung des Gaon von Wilna ist weltweit gültig, auch für die Juden südlich des Äquators.

Die Zusammenfügung der Zeit des Bauens des Tabernakels und der Sukka, als Erinnerung an die zurückkehrenden G“ttlichen Wolken, ist bestimmt nicht zufällig.

Dem Mischkan gleich, also dem Stiftzelt, haben auch die Wände und das Schilfdach der Sukka Keduscha – Heiligkeit -, selbst, wenn die Sukka eingestürzt sei. Sobald jemand das Tabernakel betrat, wurde er oder sie durch G“ttes Anwesenheit umfasst. Tempelbesuch war ein Gebot, wo der „gesamte Mensch“ einbezogen wurde.

Dementsprechend ist die Sukka EINE der wenigen Gebote, die alle Menschenaspekte umfasst: selbst Essen und Trinken werden in der Sukka zu einer Mitzwa.

Rabbinische Literatur ist Zitatenliteratur. Die Unterschiede in den Auslegungen zwischen Rabbi Ja’akov Ascheri und dem Gaon von Wilna gehen zurück auf eine Meinungsverschiedenheit zwischen Rabbi Akiwa und Rabbi Eliezer aus Talmudischen Zeiten (B.T. Sukka 11b).

Rabbi Akiwa übersetzt „Sukkot“ wörtlich als Hütten. Rabbi Eliezer dagegen versteht „Sukkot“ losgelöst von Materie: es ist der ausserordentliche G“ttliche Schutz, den wir am Laubhüttenfest gedenken.

Rabbi Eliezers Erklärung scheint die Einleuchtender zu sein. G“ttes besondere Sorge um Sein Volk ist gedenkwürdig, die Wanderhütten von damals waren blos in der Eile entstandene Wohngebilde ohne bleibenden Wert.

Das Problem liegt vielmehr in der Auffassung von Rabbi Akiwa. Welchen Ewigkeitswert vertreten diese Karavane aus Laub und Schilf?

Das Wort Sukkot verträgt beide Erklärungen: es kann sowohl Laubhütten wie Wolken der G“ttlichen Majestät bedeuten. Der Meinungsunterschied zwischen den beiden grossen Gelehrten ist lediglich eine Angelegenheit der Bewertung. Die Wolken waren ein  Geschenk des Himmels und symbolisieren G“ttes Barmherzigkeit.

Die Laubhütten werden durch die Menschen selbst gebaut und betonen die Bereitwilligkeit des Jüdischen Volkes, seinem G“tt überall hin zu folgen. Das Jüdische Volk verliess das Land seiner Peiniger, aber wohin?

In eine Wüste, einem „unbestellten Land“, wie der Prophet es benennt, in dem der Mensch es auf natürlichem Weg nicht lange aushalten kann. An Allem fehlt es, es gibt weder Nahrung noch Behausungen.

Nichtdestotrotz zog das Volk hinter G“tt her, ohne den geringsten Zweifel. Es war die reinste Selbstleugnung, die sie beseelte.

Rabbi Akiwa war ein von Proseliten abstammender Mann, also von zum Judentum konvertierten Menschen, der sich von ganz unten, aus eigener Kraft, hochgearbeitet hatte zur Persönlichkeit, wie wir ihn aus dem Talmud kennen.

Es ist zu verstehen, dass er überwiegend auf die Aspekte der Mitzwot achtet, die die religiöse Aufopferungsbereitschaft beleuchten aus der menschlichen Befangenheit.

Bei gegensätzlichen Auslegungen erklärt der Talmud unmissverständlich, dass „beide wahr sind“.

Das ist unsere ärmliche Sukka: eine Kombination des Irdischen – vergleichbar mit dem Menschen – und dem Überirdischen – der G“ttlichen Vorsehung, die unser Volk überall auf dieser Welt begleitet.

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