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EINIGE HINTERGRÜNDE UND ERKLÄRUNGEN ZUM SEDERABEND

EINIGE HINTERGRÜNDE UND ERKLÄRUNGEN ZUM SEDERABEND
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Vorwort

Mit Pessach hielt das Jüdische Volk Einzug in die Geschichte. Am Sederabend erleben wir erneut unsere übernatürliche Existenz als Volk. Die Entstehungsgeschichte des Jüdischen Volkes ist einzigartig. In einer Lage, die man ohne Zweifel als aussichtslos bezeichnen könnte, wurde eine Nation geboren, die sich, über alle soziologische Konventionen hinweg, zu behaupten wusste. Israel wurde ein Volk, in einem fremden Land, in dem es, unter einer repressiven Sklaverei, alle Rechte verweigert wurden. Die Zukunft schien verloren. Die Neugeborenen wurden in den Nil geworfen. Wir wurden in Blut geboren und würden weiterhin in Blut leben, das Blut als Symbol für ein Leben voller Selbstaufopferung und Selbstverleugnung zur Verkündigung der Einzigen Wahrheit.

Es war der Prophet Ezechiel, der die Geburtswehen des Jüdischen Volkes in Ägypten so treffend schilderte mit den Worten: “Da ging ich an dir vorüber und sah dich zappelnd in deinem Blute, und ich sprach zu dir: In deinem Blute lebe, bedamayich chai”. Das auserwählte Volk war für eine völlig andere Dimension des Lebens bestimmt als die übrige Menschheit. Beim Durchzug durch das Schilfmeer schreibt die Tora, dass die Hebräer “wejàminu baShem uweMosche awdo”, an G”tt und an seinen Diener, Mosche, glaubten. Die hebräischen Sklaven in Ägypten konnten auch durch ihren Glauben bestehen. Jedoch erhielt der Glauben, nach der übernatürlichen Befreiung, einen ganz anderen Charakter.

Die einzig wahre Realität

Was ist Glauben? Manche glauben, dass G”tt die Welt erschaffen hat. Andere nehmen an, dass G”tt weiterhin in das Weltgeschehen eingreift. Die höchste Form von Glauben ist die Überzeugung, das G”tt die einzig wahre Realität ist. Die Geschichte hat die Realität von der Tora G”ttes als transportables Vaterland des Jüdischen Volkes bewiesen.

Am Sederabend singen wir das Lob G”ttes, der uns aus Ägypten führte. Eine seltsame Geschichte! Zuerst bringt G”tt uns nach Ägypten und lässt uns durch die Ägypter unterdrücken. Danach befreit er uns und verlangt von uns, dass wir ihm dankbar sind. Es scheint ein Widerspruch in sich, aber am Sederabend feiern wir sowohl das Elend als auch die Befreiung. Sederabend ist ein erneutes Erleben der ‚gesamten ägyptischen Erfahrung‘.

Diese doppelte Deutung liegt schon in der Mazza verankert. Die Mazza wird sowohl ‘Brot der Armut’ als auch ‘Brot der Freiheit’ genannt. Gerade in der Einfachheit unserer Glaubensexistenz wurzeln unsere Freiheit und unsere Kraft. Sowohl das Elend als gleichzeitig auch die Befreiung sind unsere Identität geworden.

Was ist der Unterschied zwischen Chamez, gesäuertem Brot, und Mazza? Mazza besteht nur aus Wasser und Mehl, es ist fast ohne Geschmack. Durch Zugabe von Hefe entsteht ein Gärungsprozess, der ein viel schmackhafteres Brot entstehen lässt. An Pessach dürfen wir gesäuerte Lebensmittel nicht mal in unserem Besitz haben. Wir müssen alles zu Staub erklären. Das Chamez-Verbot bedeutet, dass wir uns einmal im Jahr komplett lossagen von unserer Verbundenheit mit irdischen Genüssen und materiellen Neigungen. Sucht ist Sklaverei – Freiheit bedeutet die Loslösung von allem. Das Brot der Freiheit ist unser Brot. Es stellte sich heraus, dass unsere rechtlose Lage sich in unsere Kraft umwandelte. Weil wir nicht gebunden waren an Land, Situation oder gesellschaftlicher Stellung, konnten wir G”tt ohne Vorbehalt folgen.

Die wahre Freiheit

Das Problem des freien Willens hat Philosophen schon Jahrhunderte lang beschäftigt. Moderne Menschen suchen die uneingeschränkte Freiheit. Wir fühlen uns frei, wenn wir unsere eigenen Lebensziele wählen dürfen. Eine Begrenztheit unserer Mittel bezeichnen wir nicht als Unfreiheit, erleben sie jedoch als physisch körperliche Einschränkung.

Alles hat seinen Preis. Am Anfang jeder menschlichen Wahl steht eine Abwägung von Ziel und Mitteln. Was tut der Mensch, wenn er sich alles leisten kann? Dann wählt er nur dasjenige aus, was er wirklich haben möchte. Der Einzige, der wirklich frei wählen kann, ist derjenige, der völlig ungebunden ist.

Am Sederabend feiern wir die Mazza, Elend und Freiheit in einem, denn die Mazza ist ‘lechem onni’, Brot des Elends, aber auch ‘lechem scheonim alav dwarim harbé’, Brot, über das wir vieles zu erzählen haben. Mazza ist Elend und Freiheit in einem, Entsagung von allem und gleichzeitig unsere Freiheit. Derjenige, der ohne etwas auskommt, ist am freiesten.

Die Bereitschaft zur Veränderung

Eigentlich sollte die Mazza gegessen werden mit “den Lenden gegürtet, den Schuhen an den Füßen, und dem Stab in der Hand”. Es deutet auf die ständige Bereitschaft vom Menschen hin, seinen Ort oder seine Lage zu ändern. In den Sprüchen der Väter (Pirké Awot) steht geschrieben, dass nur derjenige wirklich frei ist, der sich ohne Unterlass der Tora widmet.

Das Ziel des Auszugs

Was ist das, Tora? Die Tora ist das eigentliche Ziel des Auszugs. Tora im tiefsten Sinne des Wortes bedeutet ein fortwährendes Nachstellen der einzig wahren Wahrheit, und zwar objektiv, ohne Vorurteil und Voreingenommenheit. Am schwierigsten fällt es dem Menschen, sich selbst zu ändern; auch der freie Mensch tut sich ungeheuer schwer, eigene Ideen und Glaubenssätze, Gewohnheiten und Ansichten loszulassen. Er muss bereit sein, seine früheren Sichtweisen erneut zu bewerten und ständig neue Ausgangspunkte einzunehmen. Das gelingt am ehesten, wenn er, buchstäblich, völlig ungebunden ist, sogar von solchen alltäglichsten Dingen wie Brot. “Wenn die Juden nur einen Moment gezögert hätten, aus Ägypten wegzuziehen, wären sie nicht befreit worden”, sagen unsere Weisen.

Die Mazza steht für die Unkompliziertheit, sie gleicht dem Mut, den man aufbringen muss, um sich andauernd zu prüfen. Die Wahrheit ist frei von jeglicher Bindung.

Umgang mit dem Negativen

Zusammen mit der Mazza essen wir maror, das Bitterkraut. Der Sederabend lehrt uns, wie wir mit dem Negativen in der Welt umgehen sollen. Der Genuss des bitteren Krauts ist an und für sich nach der Tora keine Verpflichtung. Wir streben nicht danach, zu leiden. Nichtdestotrotz betrachten wir unsere Probleme, die uns im Laufe der Jahrhunderte widerfahren sind, auch von der positiven Seite. Das ist Teil unseres festlichen Dankmahls. Wir gehen den Schwierigkeiten nicht aus dem Weg. Während wir unseren Weg fortsetzen, gehen wir durch einen Wachstumsprozess, der uns letztendlich zu der Wahrheit zurückführt. Dies war die Ganzheit der ägyptischen ‚Erfahrung’.

Die Spirale in der Zeit

Der Maharal von Prag sah das Phänomen der Zeit nicht als lange, durchgehende Linie, sondern als eine Spirale, die immer weiter und in die Höhe führt. Jedes Jahr durchleben wir die gleichen Geschehnisse, die jede Generation unseres Volkes vor uns durchgemacht hat. Es ist ein ‘Zurück zu den Wurzeln’ in einer Aufwärtsbewegung. Die Anziehungskraft von Pessach liegt genau dort – in der Begegnung mit uns selbst und unserem Ursprung: Freiheit durch Gebundenheit am Höheren -.

“Kaddesch uRechaz: heilige dich und wasche dich”

Der Seder besteht aus 15 Abschnitten, die alle in hebräischen Versen ihren Ausdruck finden.

Die ersten Abschnitte sind ‘kaddesch urechaz’.

In den fünfzehn Abschnitten des Seders ist eine deutliche Linie steigender Religiosität zu erkennen.

Es ist interessant, Kaddesch urechaz einmal näher zu betrachten, weil hier eine deutliche Abweichung der üblichen Form vorliegt. Normalerweise muss man sich erst geistig reinigen, bevor man von einer spirituellen Steigerung, die das Ziel des Judentums ist, sprechen kann. So steht es geschrieben in den Psalmen: “wende dich zuerst ab von dem Bösen und tue dann das Gute (4: 15)“. Wir dürfen nicht erwarten, dass wir keduscha (Heiligkeit) erreichen können, bevor wir nicht unser anrüchiges Verhalten aufgeben. Der Versuch, sich rein zu waschen, macht keinen Sinn, während man sich noch im Dreck wälzt. Man kann erst dann schöne Kleider anziehen, wenn der ganze Schmutz abgewaschen ist.

Der Exodus ist eine Ausnahme

Der Exodus bildete eine Ausnahme von dieser Regel. Das Jüdische Volk verlor in Ägypten seine Spiritualität und seine Freiheit. Es hatte aus seinem Umfeld den ägyptischen Götzendienst übernommen. Durch das Schlachten des Pessachlammes verwarf es die ägyptische Vielgötterei. Aber noch bevor das Volk die Dekadenz ihrer Herren überwunden hatte, empfing es die g”ttliche Offenbarung, die so gewaltig war, dass unsere Gelehrten sagen: “Bei der Spaltung des Roten Meeres wurde sogar dem geringsten Bürger mehr prophetische Offenbarung zuteil als dem Propheten Ezechiel” (Mechilta).

Verwunderlich! Beim Exodus war es also möglich, die größten g”ttlichen Offenbarungen zu erfahren, und zwar noch bevor man sich, in spiritueller Hinsicht, gereinigt hatte. Dies ist eine wichtige Lektion! Manch einer von uns mag denken: Es macht wenig Sinn, „den eigenen Lebensstil zu ändern, weil ich mich schon so weit vom Judentum entfernt habe, dass es heuchlerisch wäre, wenn ich jetzt auf einmal den Geboten der Tora anhängen würde“. Stimmt nicht! Das eine schließt das andere nicht aus. Mit aufrichtiger Tschuwa kann man vieles ändern. Der Talmud lehrt uns von einem großen Sünder, der nach nur einem einzigen Versuch der Umkehr, den Zutritt zum Gan Eden (das Paradies) erlangte.

Warum war G”tt dem Jüdischen Volk gegenüber so willig? Weil unsere Vorfahren bereit waren, im Sog Mosche Rabbenus, Ägypten zu verlassen und sich in eine desolate Wüste führen zu lassen, wo es weder Wasser noch Nahrung gab. Der Prophet Yeremyahu (2: 2) kleidet dies so treffend in folgende Worte: “Ich gedenke dir deine jugendliche Huld, deine bräutliche Liebe, wie du mir gefolgt durch die Wüste, durch unbesäätes Land”. Die Erinnerung am Auszug aus Ägypten ist also eine tägliche, spirituelle Erfahrung von Erneuerung und Hoffnung.

Chag haMazzot – das Fest der Mazzot

Wenn wir vom Fest des Auszugs sprechen, dann meinen wir Pessach. Die Tora nennt es jedoch “das Fest der Mazzot”. Offenbar gibt es eine andere Annäherung an das Fest aus der Perspektive von ‚Oben‘ und aus der Sicht von uns Menschen.

Rabbi Levi Yitzchak von Berditschev erklärt, dass Mazza die symbolische Selbstaufopferung der Juden vor G”tt darstellt. Dies wird auch angedeutet in dem passuk (Vers), in dem beschrieben wird, wie das Jüdische Volk Ägypten übereilt verließ, weder Zeit hatte, das Teig zu säuern, noch um Reisezehrung mitzunehmen (Exodus 12: 39). So stark war das G”ttesvertrauen, dass sie kaum Nahrung und Wasser mitbrachten.

Gegenseitiges Lob

Andererseits deutet das Wort Pessach auf eine wunderliche Rettung hin, bei der G”tt die Erstgeburt Ägyptens schlug, die Häuser der Israeliten aber verschonte, durch “über sie hinwegzuschreiten” (Ex 12: 13). Das Wort Pessach bedeutet ‘über etwas hinwegschreiten’.

G”tt und das Jüdische Volk loben sich gegenseitig. Die Tora beschreibt das Pessachfest als Fest der Mazzot, das die Loyalität des Menschen betont. Wir hier unten auf Erden nennen das Fest Pessach (überschreiten, darüber hinwegschreiten), um an das g”ttliche Wunder zu erinnern. Wir lernen daraus, uns positiv auszudrücken, und dabei immer die Verdienste des Anderen zu betonen.

Ich hoffe, dass dieser Beitrag zu einer Vertiefung des erneuten Erlebens vom Exodus aus Ägypten führt!

Leschana haba’a biruschalajim habenuja!

Rabbiner mr. drs. R. Evers

I. SEDERTELLER – ZUTATEN

I.1 Verschiedene Anordnungen

Unser Augenmerk fällt sofort auf den Sederteller. Drei Mazzot, Kohen, Levi und Yisrael, liegen übereinander unter einem Tuch oder Teller. Es gibt jedoch auch andere Anordnungen. Der Rema, Rabbi Mosche Isserles (1520-1575), legte die drei Mazzot auf den Sederteller. Er fing mit der Anordnung rechts vorne mit Karpas (Petersilie) an und stellte mej melach (Salzwasser) davor, weil wir das bei der Sederfeier zuerst nehmen. Dann die drei Mazzot, auf dem Teller, und oberhalb Maror und Charosset, weil die erst nach der Mazza gegessen werden. Danach, also am weitesten entfernt von der Person, die den Sederabend leitet, liegen Sero’a und Bejza, der Knochen und das Ei. Der Arizal, der große Kabbalist, legte die drei Mazzot unterhalb Sero’a, Bejza, Maror, Karpas und Charosset. Der Gaon von Wilna hatte nur zwei Mazzot auf dem Teller und brach die obere in zwei.

Der Sederteller: sich widersprechende Symbole

Pessach ist das Fest der Spiritualität. Gegensätzliche Ideen können nebeneinander existieren. Unser Sedertisch ist voll von ihnen. Symbole von Freiheit und Sklaverei liegen nebeneinander auf einem Tisch. Wir essen trockene Mazza, Brot von Sklaven, und bittere Kräuter zur Erinnerung an unsere Unterdrückung. Dennoch stützen wir uns auf und tunken Appetithappen ein als Zeichen von Freiheit und Vornehmheit.

Wie können wir diese Widersprüchlichkeiten miteinander vereinen? Wir brauchen nicht alle Konflikte in Einklang zu bringen. Unser Freiheitsbegriff unterscheidet sich von dem, was man normalerweise darunter versteht. In modernen Anschauungen setzt man ‚echte‘ Freiheit gleich mit einem Zustand totaler Harmonie und völliger Abwesenheit von Unmut und Streit. Dieser Zustand der ewigen Harmonie gibt es im realen Leben nicht. Das Jüdische Konzept von Freiheit beinhaltet, dass man sowohl mit Widrigkeiten lebt als auch mit der Fähigkeit, dennoch, trotz aller Konflikte, das Heil zu finden.

I.2 MAZZOT

Auf dem Sederteller liegen drei Mazzot. Zwei Mazzot sind als lechem mischnej (doppeltes Brot) gedacht. So wie wir es von jedem Schabbat oder Jom Tov kennen, wenn wir die beracha (Segen) hamozi über lechem mischnej sprechen. Die dritte Mazza ist ein Symbol für awdut (Sklaverei) und für cherut (Freiheit).

Diese Mazza ist sowohl:

1) ‘lechem onni oder lachma anja’ – Brot des Elends,

als auch:

2) ‘lechem scheonim alav dwarim harbé – Brot, über das wir vieles zu erzählen haben.

I.3 Maror – Das Bitterkraut

Maror erinnert uns an die Bitterkeit der Sklaverei. Heutzutage ist das Essen von Maror nach der Tora nicht mehr verpflichtend. Maror wird zwar in der Tora erwähnt, aber nur in der Abhängigkeit vom Pessachopfer: jetzt, wo es kein Pessachopfer mehr gibt, sieht die Tora die Verpflichtung von Maror nicht mehr gegeben.

Die Rabbinen halten an diese Verpflichtung fest, weil es eine Erinnerung an die Bitterkeit ist.

Der Talmud nennt uns drei Arten von bitteren Kräutern, die als Maror genommen werden können:

1) ‘chazeret’ = ’chassa’, Romana-Salat mit langen, dunklen Blättern. Dieser Salat schmeckt anfangs nicht bitter, aber im Nachgeschmack schon. Es ist ein Symbol für unseren Aufenthalt in Ägypten: Anfangs war es noch nicht so bitter, aber im Laufe der Zeit wurde es schlimmer und schlimmer. Nachteilig bei Romana-Salat sind die vielen kleinen Insekten auf den Blättern, die nur schwer abzuwaschen sind. Die Tora verbietet das Essen von den kleinsten Organismen. Deshalb sollte man, wenn man den Salat nicht gründlich putzen kann, besser keinen Romana-Salat verwenden.

2) ‘olschin’ = rohe Endivien.

3) ‘tamcha’ = Meerrettich. Bei Meerrettich ist es fast unmöglich, eine olivgroße Menge

(19,29 g) innerhalb von zwei oder vier Minuten zu essen.

I.4 sero’a – der Knochen

Sero’a ist der Knochen, zur Erinnerung an das Pessachopfer. Wir nehmen dafür den Knochen einer Lammschulter, andere nehmen einen Flügel vom Geflügel. Rabbenu Manoach sagt, dass dieser Knochen am Mittag vor Sederabend geröstet werden muss, zur gleichen Zeit, zu der das Pessachopfer dargebracht werden sollte. Der Knochen darf nicht weggeworfen, sondern sollte am Yom Tov gegessen werden.

I.5 Bejza – das Ei

Das Ei darf gebraten oder hartgekocht sein.

Dieses Ei erinnert nicht nur an das Chagiga (Festopfer), sondern dieses Ei ist gleichzeitig ein Zeichen der Trauer. Wir trauern um die Zerstörung des Tempels, wodurch wir das Festopfer nicht mehr darbringen können.

Ein Ei ist das Zeichen von Trauer, weil es keine Öffnung hat – so wie ein Trauernder, der im übertragenden Sinne keinen Mund hat, weil die Trauer ihm den Mund schnürt.

Das Ei ist rund – gleich dem Rad der Trauer. Das Rad der Trauer wälzt sich durch die Welt und wir haben sehr viel Unglück, wenn es uns trifft.

Das Ei kann man ebenfalls vergleichen mit dem Jüdischen Volk – je härter es gekocht und verfolgt wird, desto stärker und widerstandsfähiger wird es.

I.6 Charosset – das gemisch

Charosset ist eine Mischung von Rosinen, Mandeln, Äpfeln, feingemahlenen Nüssen, mit koscherem Wein und Zimt zu einer Paste verrührt. Die Paste erinnert uns an charsit (Stein oder Lehm), das Material, mit dem die Hebräer in Ägypten arbeiten mussten.

Der Wein ist zur Erinnerung an das Blut, die Zimtstangen zur Erinnerung an das Stroh und die Äpfel sollen an die frommen Frauen erinnern, die in den Obstgärten unter Apfelbäumen ihre Kinder zur Welt brachten, um sie vor den Ägyptern zu verstecken.

I.7 Karpas – Die erdfrucht (radieschen/ petersilie)

Die Petersilie oder das Radieschen symbolisieren die Freiheit. Vornehme Leute aßen eine Vorspeise.

Mit Karpas soll auch die Neugierde der Kinder geweckt werden. Das Karpas versinnbildlicht das ma nischtana und muss eine bore p’ri ha’adama sein, eine Frucht, die direkt aus dem Boden wächst. Karpas liegt auf dem Sederteller, um die Kinder zum Fragenstellen anzuregen. Der Sederabend dient vor allem dazu, gerade den Kindern vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.

Außerdem essen wir Karpas oder Petersilie oder Radieschen zu Beginn der Seder um über Maror keine zwei berachot sprechen zu müssen. Maror ist eine klala,etwas Unangenehmes, deshalb sprechen wir nur die beracha: al achilat maror und sprechen nicht die beracha: bore p’ri ha’adama. Wenn wir diese letzte beracha über Karpas sprechen, gilt sie gleichzeitig auch für das Maror. Deswegen soll man beim Essen von Karpas gedanklich die Absicht haben, das Maror vor der beracha: bore p’ri ha’adama zu beschützen.

I.8 Mej melach – das Salzwasser

Das Salzwasser, in dem man das Karpas taucht, symbolisiert die Tränen unserer Vorfahren. Außerdem ist es eine Erinnerung daran, dass Salz bei den Opfern nie fehlen durfte. Am Sederabend hätten wir eigentlich ein Pessach-Opfer darbringen müssen.

Das Salzwasser erinnert uns auch an die Zerstörung von Sodom und die Verwandlung von der Frau von Lot in eine Salzsäule. Dieses Ereignis fand auch am fünfzehnten Nissan statt. Wir zeigen auf diese Weise, dass wir nicht den gleichen Weg beschreiten wollen, wie die Einwohner von Sodom oder wie die Frau von Lot. Ihre schlechten Wesenszüge kamen vor allem in ihrem ungastlichen Verhalten zum Ausdruck.

II. Sederabend – Allgemein

II.1 Sich anlehnen

Am Sederabend lehnt man sich, am besten den ganzen Abend, an zum Zeichen der Freiheit. Wir stützen uns linksseitig auf ein Kissen oder Tuch.

Wir müssen uns anlehnen zum:

  • Essen von Mazza;
  • Essen von Korech (das ‘Sandwich’ = Mazza und Maror);
  • Trinken der vier Becher Wein;
  • Essen von Karpas (es gibt eine machloket (Meinungsverschiedenheit), ob man hierbei verpflichtet ist, sich anzulehnen).

Wenn du bei deinem Rebbe (Lehrer) am Sedertisch sitzt, musst du ihn um Erlaubnis bitten, dich anlehnen zu dürfen.

II.2 Die vier Becher

Während des Sederabends trinken wir vier Becher Wein. Wir nehmen vorzugsweise Wein, weil er das Getränk der freien Menschen ist.

Als Gründe für die vier Becher Wein können genannt werden:

* G’tt versprach, die Juden auf vier Arten zu erlösen:

  • körperlich:
  • aus dem Gefängnis von Ägypten
  • nach Israel;
  • und geistig:

aus der Kultur des Götzendienstes

hin zu der Tora.

* Die Hebräer unterschieden sich von den Ägyptern in vierfacher Hinsicht. Sie unterschieden sich durch ihre:

  1. Sprache;
  2. Namen;
  3. Kleidung und;
  4.  sie waren keine Denunzianten.

* Rabbi Yitzchak Abarbanel (1437‑1508) erklärt:

– Der Becher zum Kidduschsegen gilt als Dank dafür, dass G’tt uns auserwählt und geheiligt hat seit den Tagen des Avraham. Kiddusch bedeutet Heiligung.

– Der Becher am Ende von maggid (dem Erzählabschnitt des Seders) gilt als Dank für den Auszug aus Ägypten;

– Der Becher nach dem Tischgebet trinkt man als Dank dafür, dass G’tt uns körperlich erhält inmitten der siebzig Völker;

– Der Becher nach dem hallel (das Dankgebet im Anschluss an dem Tischdank) symbolisiert unsere Dankbarkeit für das Senden des Maschiachs.

* Es gibt vier Situationen, in denen wir G’tt auf bestimmter Weise danken (In Zeiten des Tempels durch die Darbringung des Dankopfers und heute durch das ‚Gomel‘-Beten):

  • nach Gefangenschaft (hier: Ägypten);
  • nach Krankheit (hier: Götzen);
  • nach einer Seereise (hier: keri’at Yam‑Suf, dem Durchzug durch das Rote Meer);
  • nach einer Wüstenreise.

Die vier Becher symbolisieren ferner die vier Verheißungen der Befreiung, die G’tt seinem Diener, Mosche, in Exodus 6: 6-7 gibt:

  • “Ich werde euch wegführen, hervor unter den Lastarbeiten Ägyptens”.
  • “Ich werde euch erretten aus ihrem Dienst”.
  • “Und ich werde euch erlösen mit ausgerecktem Arm und mit großen Strafgerichten”.
  • “Und ich werde euch annehmen mir zum Volke und werde euer G’tt sein”.

II.3 Wein

Wenn unsere Gelehrten uns die Zahl Vier einprägen wollten, weshalb wurde hier das mit Wein getan? Vielen Menschen fällt es schwer, so viel Wein zu trinken. Warum haben unsere Weisen nicht bestimmt, dass wir während des Seders vier Arten von Früchten essen sollten. Auch dann würden die Kinder fragen ‘weshalb sind vier Fruchtarten auf dem Tisch?’ und wir würden mit dem restlichen Text des Seders antworten.

Der kumulative Prozess

Der Grund dafür, dass gerade Wein für die vier Becher ausgewählt wurde, beruht auf der Tatsache, dass die vier Verheißungen der Befreiung mehr sind als nur Wiederholungen des gleichen Themas. Es gibt eine Hierarchie von immer stärker werdenden Beschreibungen des Befreiungsprozesses: vom Weg aus der Sklavenarbeit hin zur Freiheit und Selbstständigkeit, aus einer Sklavenmentalität und einer Kultur des Götzendienstes hin zur spirituellen Erhöhung. Jeder nachfolgende Ausdruck baut auf die Wirkung des vorherigen auf. Man kann von einer zunehmende Intensivierung des Befreiungsprozesses sprechen.

Deshalb haben unsere Gelehrten die vier Becher Wein eingeführt. Vier verschiedene Fruchtarten würden einander nicht verstärken. Wein dagegen hat eine kumulative Wirkung auf den Menschen. Mit jedem weiteren Becher werden unsere Gefühle von Freude über die vier Stadien des Auszugs verstärkt.

II.4 die Qualität und Quantität des Weines

Jeder Becher sollte ein rewi’it enthalten. Ein rewi’it ist laut:

  • dem Chazon Isch: 150 cc (1/8 l);
  • R. Chaim Naè: 86 cc (etwa 1/12 l);
  • R. Moshe Feinstein: 97,95 cc (1/10 l).

Man darf selbst bestimmen, welcher Meinung man sich anschließt.

Der Becher sollte möglichst ganz leer getrunken werden. Wenn dies nicht möglich ist, sollte wenigstens der größte Teil des Inhaltes getrunken werden.

Die Rangordnung der Getränke nach ihrer Präferenz:

  1. purer Wein;
  2. Wein, gemischt mit Traubensaft;
  3. Wein, gemischt mit Wasser;
  4. Traubensaft;
  5. Traubensaft , gemischt mit Wasser;
  6. Rosinenwein oder chamar medina (ein Getränk, das man einem nicht durstigen Gast anbietet: ein alkoholisches Getränk, Kaffee, Cola, einen Schnaps (also kein Mineralwasser)).

Normalerweise nimmt man Wein; nur wenn man Wein nicht verträgt oder man nicht gewohnt ist, so viel Wein zu trinken, und dadurch dem Sederabend nicht vollständig würde folgen können, kann man überlegen, Nummer 2 zu trinken. Wenn auch das nicht möglich ist, dann Nummer 3, usw.

Roter Wein

Am liebsten nehmen wir roten Wein, weil:

  1. Er von guter Qualität ist;
  2. er an das Blut der hebräischen Kinder erinnert, das in Ägypten vergossen wurde.

Nicht zu viel mischen

Früher, in der Zeit der Gemara, war der Wein so stark, dass man immer dreimal so viel Wasser hinzugeben musste, um ihn trinken zu können.

Wenn man mehr als sechsmal so viel Wasser hinzugibt, ist der Wein so dünn, dass man nicht mal mehr ‘bore p’ri hagafen’ (Segen über Wein) über den Wein sprechen kann.

II.5 die Kinder

Sobald Kinder den Abschnitt, bei dem ein Becher Wein getrunken wird, inhaltlich verstehen, soll man sie in der Mitzwa des jeweiligen Bechers erziehen. Versteht das Kind, warum Kiddusch gemacht wird, dann trinkt es bei Kiddusch einen Becher. Weiß es, wovon die Geschichte des Auszugs handelt, dann trinkt es auch den zweiten Becher. Kann das Kind beim Tischdank mitbeten, dann trinkt es den dritten Becher. Wenn die Kinder auch verstehen, wovon der Nachseder spricht, trinken sie auch den vierten Becher.

II.6 Wie wird getrunken?

Am besten ist:

  • Den ganzen Becher in einem Zug auszutrinken;
  • mit dem ersten Schluck den größten Teil und mit dem zweiten Schluck den Rest des Bechers zu trinken;
  • den Becher zu leeren innerhalb von zwei, vier oder höchstens neun Minuten;
  • sollte es länger als neun Minuten dauern, muss über die beracha neu gesprochen werden.

Derjenige, der die Sederfeier ausrichtet, darf seinen eigenen Wein nicht servieren. Am besten schenkt jemand anders ein.

Jedes Mal sprechen wir eine beracha vor dem Trinken des nächsten Bechers, weil mit ihm eine neue Stufe, eine neue Art der Befreiung erreicht wird.

Warum sprechen wir nicht über jeden einzelnen Becher eine Nach-beracha? Die Antwort ist, dass mit dem Tischgebet und der Nach-beracha über den vierten Becher auch die anderen Becher abgegolten sind. Jeder Becher ist zwar eine eigene Mizwa, die Nach-beracha oder das Tischgebet beziehen sich auf alle Becher. Weil wir uns zwischen den Mitzwot vom Trinken der einzelnen Becher nicht mit anderen, ablenkenden Sachen aufhalten, ist nur eine Nach-beracha ausreichend.

II.7 Der fünfte Becher Wein – Der Becher des Eliyahu – der fünfte Sohn

Weshalb steht auf dem Sedertisch noch ein fünfter Becher Wein, der nicht getrunken wird?

Die Tora (Schemot 6: 8) gibt noch eine fünfte Verheißung im Zusammenhang mit der Erlösung: “Und ich werde euch bringen in das Land”. Rabbi Tarfon betrachtet die Erlösung als eine fünffache, und deshalb verpflichtet sie uns, fünf Becher Wein zu trinken. Die anderen Gelehrten sind damit nicht einverstanden. Eine Halacha ohne definitive Entscheidung wird manchmal mit dem Ausdruck ‘Teku‘ wiedergegeben und bedeutet: ‘es bleibt unbestimmt ’.

Es kann ebenso als eine Abkürzung von hebräischen Wörtern gelesen werden, die besagt, dass Eliyahu, der Vorbote Maschiachs, alle halachischen Probleme lösen wird. Wir füllen den Becher, obwohl wir nicht davon trinken und nennen ihn deswegen den Becher Eliyahus.

Die vier Becher symbolisieren die vier wesensverschiedenen Kinder. Jedoch ist unsere Befreiung erst dann vollkommen, wenn wir auch den fehlenden, fünften Sohn in unsere Sederfeier mit einbeziehen. Der fünfte Becher auf dem Tisch, der nicht getrunken wird, ist Zeichen für diesen fehlenden Sohn.

Zum bösen Kind sagen wir: “wenn du in Ägypten gewesen wärest, würdest du nicht erlöst worden sein”. Aber nach Matan Tora – der Gesetzgebung am Berg Sinai – hoffen wir natürlich auf die letztendliche Erlösung aller, auch derjenigen, die jetzt noch nicht mit am Tisch sitzen. Die letztendliche Erlösung ist das Thema des Nach-Seders.

Der Name Elijahu setzt sich im Hebräischen aus fünf Buchstaben zusammen. Das ist der fünfte Becher, der traditionell etwas größer ist als die anderen. Manche haben es sich zur Gewohnheit gemacht, dass alle etwas vom fünften Becher trinken. Andere wiederum sprechen am folgenden Tag Kiddusch über den fünften Becher. Sobald der Becher Elijahus randvoll gefüllt ist, wird die Haustür geöffnet, um symbolisch anzudeuten, dass wir den Geist des Vorboten des Maschiach willkommen heißen, weil er die letztendliche Erlösung bringt.

Im Nach-Seder wird, (anders als im Vor-Seder, in dem die Befreiung aus Ägypten zentral stand), die zukünftige Erlösung gefeiert. Es gibt eine Tradition, die besagt; dass Elijahu aus dem fünften Becher trinkt und anschließend den Inhalt über alle Teilnehmer des Sederabends verteilt. Vielleicht könnte das die folgende Bedeutung haben: unsere individuellen Lebensbecher können verschieden sein: manche erfahren etwas mehr Glück, andere leider etwas weniger. Wenn wir weiter nichts gemeinsam haben, werden wir die Erlösung nicht näherbringen. Trinken wir gemeinsam aus einem Becher, dann teilen wir Freude und Elend des Lebens, erleben wir zusammen Momente der Freude und stehen uns bei in schwierigen Zeiten. Erst dann bringen wir die letztendliche Erlösung etwas näher.

II.8 die zahl vier

In der Sederfeier nimmt die Zahl Vier eine zentrale Stellung ein. Es gibt vier Fragen, vier Söhne und vier Becher. Manche sehen in der Zahl Vier einen Hinweis auf die vier Erzmütter Sara, Rivka, Rachel und Lea, die den naschim zidkanijot – den frommen Frauen in Ägypten – als Vorbild dienten. Die hebräischen Frauen in Ägypten ließen sich nicht entmutigen und taten alles, um die “gezera” – den Beschluss Pharaos, das Überleben des Jüdischen Volkes zu behindern, zunichte zu machen. Die Männer, sogar der gedol hador – der größte Führer jener Generation – Amram, der Vater von Mosche, glaubten nach dem grausamen Beschluss der Tötung aller männlichen Neugeborenen nicht mehr an eine Zukunft für das Jüdische Volk.

Die Zahl Vier erinnert auch an die vier Eigenschaften, durch die sich die Hebräer in Ägypten unterschieden. Weder änderten sie ihre Art, sich zu kleiden, noch ihre Sprache und ihre Namen und ebenso wenig übten sie Verrat aneinander bei der ägyptischen Obrigkeit.

Von einer tieferen Ebene her betrachtet, steht die Zahl Vier in der kabbalistischen Lehre der Sefirot für den Begriff chessed – Liebe, die vierte sefira (Sphäre). Am Sederabend betonen wir die großartige chessed von Haschem: “sind die Juden etwa besser als die Ägypter? Beide haben Götzen gedient? “

Dennoch rettete Haschem die Juden aus Liebe zu Avraham, Yitzchak und Yakov, den Erzvätern.

III. Die Reihenfolge am Sederabend

DIE ABSCHNITTE IM ABLAUF DES SEDERABENDS

Der Sederabend ist in fünfzehn Abschnitten eingeteilt. Alle Abschnitte haben ihre eigenen simanim (Zeichen oder Leitwörter). Die fünfzehn simanim sind nicht nur Gedächtnisstützen, sondern lassen uns den gesamten Auszug wieder erleben.

Unsere simanim sind auf Raschi (1040 ‑ 1105) oder Rabbi Schmu’el aus Falaise (12. Jh.) zurückzuführen. Die Abschnitte entsprechen auch den fünfzehn Treppenstufen, auf denen die Levi’im im Tempel standen.

III.1 Kiddusch

Der erste Teil vom Kiddusch wird nur gesagt, wenn der Sederabend auf einen Schabbat fällt: “G’tt vollendete am oder mit dem siebenten Tag bedeutet, dass ER sein Schöpfungswerk mit der Schabbatruhe vollendete”.

‘La’asot’ bedeutet: ‘um zu verbessern’, d.h. die Erde und das Schöpfungswerk beenden und vollenden.

‘Saveri rabbanan’ bedeutet: “Achte darauf, dass der Kidduschbecher groß genug ist für den Kiddusch”.

Kiddusch am Sederabend kann erst nach dem Abendwerden gesprochen werden. Der Kiddusch ist nämlich ein Abschnitt der Sedermahlzeit, die auch erst am Abend gegessen werden kann.

‘Mo’adim lesimcha’ bedeutet: ‘festgelegte Zeiten als Quelle der Freude’ für das gesamte Jahr. Die Jamim Tovim ‑ die Festtage – sind festgelegt zur Erinnerung an große Ereignisse in der Geschichte.

III.1.a Schlussberacha

Die Schlussberacha vom Kiddusch erwähnt: zuerst den Schabbat, danach das Jüdische Volk, dann die Festtage. Warum diese Reihenfolge?

Weil es den Schabbat schon gab, bevor das Jüdische Volk entstand und er komplett unabhängig vom Jüdischen Volk ist. Die Festtage entstanden erst nach dem Jüdischen Volk und sind von ihm abhängig, weil der Bet Din (Gerichtshof) Rosch Chodesch (der neue Monat) festlegt. In Abhängigkeit davon wissen wir, wann ein Yom Tov ist.

III.1.b Hawdala

Am Schabbatausgang sprechen wir im Kiddusch eine beracha über das Feuer, weil:

wir am Schabbat kein Feuer machen oder benutzen dürfen;

der erste Mensch am Schabbausgang aus dem Paradies gewiesen wurde. Er hatte Angst vor der Finsternis und G“tt gab ihm zwei Feuersteine.

III.1.c Schehechijanu

Die beracha schehechijanu ist eine beracha über die Zeit. Wenn nach Ablauf einer gewissen Zeit ein neues Ereignis geschieht, sagt man schehechijanu.

Beim Sprechen dieser beracha am Sederabend soll man gedanklich bei Yom Tov und bei allen Mitzwot sein, die man an dem Abend beachten wird. Diese Mizwot sind gemeint mit den neuen Ereignissen nach Verlauf der Zeit.

Wir sprechen keine beracha über die Mitzwa der vier Becher, weil wir die vier Becher über den ganzen Sederabend verteilt trinken und nicht alle auf einmal.

Wir sprechen schon eine beracha über Wein (bore p’ri hagafen) vor dem Trinken eines jeden einzelnen Bechers, weil jeder Becher eine neue Stufe der Befreiung darstellt.

Dass der Schabbat eine Erinnerung an die Schöpfung ist, ist deutlich. Am siebten Tag ruhte G“tt von Seinem Werk. Aber welche Beziehung gibt es zwischen Schabbat und dem Auszug aus Ägypten?

III.1.d Zwei Aspekte von Schabbat: Schöpfung und Auszug

Rabbi Welwel Soloveitchik erklärte, dass Schabbat zwei Aspekte kennt. Erstens feiern wir am Schabbat unseren speziellen Status und Auftrag an das Jüdische Volk. Dies ist das Resultat des Auszugs aus Ägypten, wie die Tora verschiedene Male erklärt: “Ich bin G’tt, der ich euch aus dem Land Ägypten herausgeführt habe, um euer G’tt zu sein” (Schemot 29:46, Wayikra 11:45, 25:38, 26:45, Bemidbar 15:41). In dieser Hinsicht ist Schabbat gleich wie die Festtage, die auch eindeutig Erinnerungen an bestimmte Aspekte des Auszugs aus Ägypten sind. Diesbezüglich sagt die Tora: “Doch meine Schabbattage sollt ihr beachten (Schabbattage im Plural(!), womit sowohl der Schabbat als auch die Festtage gemeint sind, weil die Tora die Festtage manchmal auch Schabbattage nennt), denn ein Zeichen ist er… dass ihr erkennt, dass Ich G’tt bin, der euch heiligt” (Schemot 31:13). Diesbezüglich macht auch der Talmud (B.T. Eruwin 96a) deutlich, dass die Tefillin, die selbst Zeichen sind (Schemot 13: 9), nicht am Schabbat und Yom Tov (Festtag) angelegt werden dürfen, weil diese Tage selbst Zeichen von unserem Bund mit G’tt sind und keiner zusätzlichen Zeichen bedürfen. Dass die Tora jedoch die besonderen Tage von Yom Tov an keiner Stelle als ‚Zeichen‘ erwähnt, ist auffällig. Worauf basiert die talmudische Aussage, dass auch Festtage als Zeichen zu sehen sind?

Raschi erklärt, dass es aus dem Vers Schemot 31:13 hergeleitet werden kann: “Es ist ein Zeichen zwischen Mir und euch”!

Der zweite Aspekt des Schabbats ist die Erinnerung an die Schöpfung in sechs Tagen. In diesem Aspekt unterscheidet sich der Schabbat von allen anderen Festtagen im Jahr. Die Tora schreibt hierzu: “Die Kinder Israels sollen den Schabbat (Singular!) beachten … es ist ein Zeichen auf ewig, dass G’tt in sechs Tagen den Himmel und die Erde schuf”.

Deshalb erwähnen wir im Kiddusch beide Aspekte von Schabbat, weil es uns an beide Themen erinnert: an die Schöpfung und an den Auszug.

III.1.e Tischri oder Nissan?

Es gibt eine Meinungsverschiedenheit im Talmud (B.T. Rosch Haschana 10b), ob die Welt in Tischri oder in Nissan erschaffen wurde. Die Tora (Schemot 12:2) erzählt uns nachdrücklich, dass die Monate des Jahres ab Nissan gezählt werden müssen – Nissan ist der erste Monat des Jahres, Ijar der zweite, Tischri der siebte, usw. – weil die Hebräer im Monat Nissan Ägypten verließen. Wenn man der Meinung folgte, dass die Welt in Nissan erschaffen wurde, konnte man die Zählung der Monate wie gewohnt beibehalten. Aber vom Standpunkt her betrachtet, dass die Schöpfung der Welt in Tischri stattfand, bedeutete dies eine radikale Veränderung des Berechnungssystems von Jahreszahlen und Daten. Es war G’ttes Wille, dass der Exodus eine so zentrale Stellung im Leben der Juden einnehmen sollte, dass sie, die Juden, jedes Mal beim Erwähnen eines Datums die Sichtweise auf ihr tägliches Leben automatisch an dieses Ereignis ausrichten würden. Aber hinter dieser Tatsache liegt noch eine viel tiefere Bedeutung verborgen. Es war nicht nur so, dass G’tt entschied, dass das Ereignis vom Exodus als Bezugspunkt in der Zeit wichtiger war als das Ereignis der Schöpfung, die Ereignisse um den Exodus waren in gewisser Weise sogar die Vollendung der Schöpfung. Erst zum Zeitpunkt des Exodus verstand der Mensch voll und ganz die Botschaft und Bedeutung von der Schöpfung G’ttes.

III.2 DAS Händewaschen durch den SEDERLEITER

Das Waschen – Urechaz

Wir waschen unsere Hände, weil sie unrein sind und bei Berührung der Frucht auch die Frucht unrein werden würde.

Wir waschen unsere Hände zur Erinnerung an die Reinigung im Tempel und hoffen währenddessen, dass der Tempel bald wieder aufgebaut werden wird. Einer der Teilnehmer bringt dem Leiter des Seders Wasser, um die Hände zu übergießen.

Im Hebräischen wird für dieses Händewaschen die Befehlsform ‚urechaz‘ gebraucht. Während des übrigen Jahres waschen wir unsere Hände nicht vor Gemüse und Obst. Hier jedoch ist es eine Notwendigkeit, als Erinnerung an die Reinigung im Tempel und als versteckter Hinweis an die Kinder, um zu fragen nach dem Warum.

III.3 DAS ERSTE MAL EINTAUCHEN

Radieschen, Petersilie – Karpas

Über die Radieschen oder Petersilie wird die beracha “ bore p’ri ha’adama ” gesprochen.

Diese beracha muss man mit der Absicht sprechen, auch die beracha über Maror zu erfüllen, weil wir über etwas, das so viel Elend symbolisiert, lieber keine gesonderte beracha sprechen wollen.

Vom Karpas essen wir weniger als ein kezajit (olivengroßes Stück), damit wir keine Nach-beracha darüber sprechen können und somit später, beim Maror, keine neue beracha nötig ist.

Das Wort Karpas erinnert uns an die Sklaverei: Karpas – gelesen als perech-samech – bedeutet: schwere Arbeit von 60 x 10.000 = 600.000 Juden.

Vor der Mizwa von Karpas sagen wir sonst keine beracha, da es nur ein Minhag (Gewohnheitsbrauch) ist.

III.4 DAS Brechen mittleren Mazza – Yachaz

Auf dem Sederteller liegen drei Mazzot: zwei für lechem mischnej (doppeltes Brot) und eine (die mittlere Mazza) als Symbol für das lechem onni (das Brot des Elends). Zusätzlich dient die mittlere Mazza als Afikoman (Zugabe).

Die mittlere Mazza wird in zwei gebrochen und den kleineren Teil legen wir zurück auf den Teller. Das größere Stück legen wir unter ein Kissen und heben es auf bis nach dem Essen.

III.4.a Das Aufheben vom Afikoman

Das kleinste Teil verbleibt auf den Teller als lechem onni, als Brot des armen Mannes, denn auch ein armer Mann hebt das größere Stück seines kargen Brotes für ungewisse Zeiten auf und isst so wenig wie möglich davon.

Es werden mehrere Gründe genannt, weshalb die Mazza unter ein Kissen oder in einen Beutel gelegt wird: erstens als Erinnerung an “uschemartem et hamazzot”, du sollst die Mazzot aufheben. Außerdem wird das Afikoman separat weggelegt, damit es nicht versehentlich mit den anderen Mazzot verwechselt wird. Zweitens wird das Afikoman erst später am Abend gebraucht. Um es nicht zu beschämen, weil es ständig übergangen wird, bedecken wir es mit einem Kissen. Noch ein anderer wichtiger Grund ist, dass die Kinder wach und aktiv am Sederabend teilnehmen, geht es beim Sederabend doch hauptsächlich darum, die Kinder in das Judentum einzuführen und sie den Auszug aus Ägypten am eigenen Leib miterleben zu lassen.

Viele Menschen pflegen die Gewohnheit, mit dem Afikoman in einer Stofftasche über der Schulter den Tisch zu umrunden, um von neuem zu erleben, wie die Juden aus Ägypten zogen, nämlich mit dem restlichen, in Tüchern gewickelten Teig auf den Schultern. Die Juden schätzten die Mizwa der Mazza so sehr, dass sie die Mazzot nicht auf dem Rücken ihrer Tiere transportierten, sondern sie selbst trugen.

Warum trägt der Abschnitt, in dem letztendlich das Afikoman gegessen wird, den Namen zafun? Zafun bedeutet ‚verborgen‘. Afikoman ist ein Symbol dafür, dass der Exodus erst der Anfang des Befreiungsprozesses darstellt. Dieser Prozess liegt zum größten Teil noch im Verborgenen. Afikoman essen wir erst als letzte Nahrung im zweiten Teil des Seders, im sogenannten Nach-Seder. Dann feiern wir die Zukunft des Jüdischen Volkes. Das Afikoman, das wir heutzutage am Ende der Sedermahlzeit essen, erinnert an das Fleisch des Pessachopfers, das ebenfalls am Ende gegessen werden sollte (B.T. Pesachim 119b).

Das Pessachopferfleisch musste sehr sorgfältig gelagert werden, denn schon die kleinste Verunreinigung machte es als Pessachfleisch ungeeignet. Um uns an die Tatsache der konstanten Überwachung des Fleisches zu erinnern, wickeln wir das Stück Mazza, das wir stellvertretend für das Fleisch essen, ein und legen es vorsichtig zur Aufbewahrung auf die Seite.

III.4.b Über eine gebrochene Mazza

Die Mazza wird nahezu unmittelbar nach dem Kiddusch gebrochen, also lange bevor wir den Segen ‘hamozi’ darüber sprechen. Weshalb machen wir das so? Wäre es nicht logischer, die Mazza zu brechen, kurz bevor man sie isst (was übrigens die Meinung von Maimonides war)?

Die Antwort lautet, dass die Mazza gebrochen wird sobald wir mit dem Lesen der Hagada anfangen. Die Hagada gilt nämlich als Einleitung zum Essen der Mazza. Ebenso halten wir es mit halachma anja (dies ist das Brot des Elends), das wir auch vor der Hagada aussprechen. Wir betonen auf diese Weise, dass im Seder sowohl das Erzählen als auch das Essen der Mazza im Mittelpunkt stehen. Außerdem, so Rabbi Schlomo Zalman Auerbach, bestätigt die obige Erklärung, warum die Nach-beracha ‚al hagefen‘ nach dem Kiddusch nicht gesagt wird. Normalerweise spricht man den Nach-Segen über den Wein, wenn man nicht sofort danach eine Mahlzeit isst. Am Seder jedoch beginnt die Mahlzeit unmittelbar nach dem Kiddusch mit der Erzählung der Hagada.

III.5 DIE ERZÄHLUNG DER HAGADA – Maggid

III.5.1 Sipur yeziat Mizraim

Es ist eine Mizwa der Tora, um am Sederabend vom Auszug aus Ägypten zu erzählen. Das Wort “Maggid”, der siman (das Leitwort) des Abschnittes, bedeutet ‘erzählen‘, aber auch demonstrieren und danken.

Eigentlich sollten wir uns jeden Tag an den Auszug aus Ägypten erinnern. Die Unterschiede am Sederabend sind:

  1. dass wir am Sederabend die ganze Geschichte von der Sklaverei bis zur Befreiung erzählen müssen, und
  2. dabei folgende Regel gilt: kol hamarbe lesaper haré se meschubach – derjenige, der am meisten über den Auszug erzählt, bekommt ein Lob – , während an jedem anderen Abend nur das Erinnern an oder die Erwähnung des Auszugs verpflichtend ist.
  3. Am Sederabend ist das Erzählen über den Auszug einer der 613 Mizwot.

Der Text der Hagada wurde durch die anschej kenesset hagedola (die Männer der Großen Versammlung- etwa 400 v.d.n.Z.) festgelegt. Später, sogar bis ins Mittelalter, gab es noch Texterweiterungen.

III.6 DAS Händewaschen vor dem Essen von Mazza

In der beracha über das Händewaschen heißt es, dass G’tt “uns geheiligt hat durch Seine Gebote”. Rabbi Mosche Feinstein weist darauf hin, dass unser zusätzlicher Kiddusch (Heiligung) durch unsere Anhänglichkeit an die Mitzwot (Gebote) kommt. Wenn wir eine Mitzwa erbringen, erfüllen wir nicht nur einen g’ttlichen Auftrag, sondern treten gleichzeitig in Verbindung mit dem G’ttlichen in der Schöpfung, was uns wiederum über unsere alltägliche Existenz erhebt.

Die Worte “durch Seine Gebote” deuten an, dass wir uns G’tt nur nähern können, wenn wir die Gebote genau befolgen. Nur innerhalb der vorgeschriebenen Parameter einer jeden Mitzwa können wir uns G’tt annähern.

Spontanität und religiöse Intuition sind zwar von Vorteil in der emotionalen Gemütsverfassung, aber in der religiösen Handlung bleibt die Halacha (die Gesamtheit der Vorschriften) die Richtschnur. Ähnlich wie bei einem Radio, dessen Schaltplan bei der Konstruktion auch bis ins Detail umgesetzt werden muss, damit es funktioniert, empfangen wir die Strahlung der Schechina (die g’ttliche Präsenz) nur dann, wenn wir die Mitzwot exakt einhalten. Begeisterung, Liebe und Ehrfurcht sind wichtige zusätzliche Attribute, können jedoch die Grundinformationen der einzelnen Mitzwot nicht ersetzen.

III.7 DIE beracha Hamozi über die Mazza

Wie sprechen wir den Segen “hamozi”?

Nach dem Händewaschen und der beracha “al netilat yadaim” sprechen wir die beracha “hamozi” über alle drei Mazzot (der Leiter des Seders hält die obere ganze Mazza, die mittlere gebrochene und die untere ganze Mazza mit beiden Händen fest).

Danach lässt er die untere Mazza fallen und spricht die beracha “al achilat mazza” über die obere ganze und mittlere gebrochene Mazza. Während man die beracha “al achilat mazza” spricht, ist man gedanklich nicht nur bei der momentanen Mazza, sondern schließt die Korech-Mazza, also die Sandwich-Mazza von Hillel (Mazza mit Maror zusammen) und die Afikoman-Mazza mit ein. Auch Afikoman und Korech fallen unter das Gebot des Mazza-Essens.

Erst nach den beiden berachot bricht man von den zwei oberen Mazzot etwas ab und isst. Man tunkt die Mazzot nicht in Salz.

Vorzugsweise isst man von beiden Mazzot gleichzeitig ein kezajit. Ist dies nicht möglich, dann isst man erst ein kezajit von der oberen ganzen und anschließend ein kezajit von der mittleren gebrochenen Mazza.

Die untere Mazza, die bei der beracha “al achilat mazza” fallen gelassen wurde, wird für Korech (das Sandwich von Hillel) genommen.

Weil es nur eine begrenzte Menge Mazzot gibt, ist nur der Sederleiter verpflichtet, jeweils ein kezajit von der oberen und mittleren Mazza zu essen. Alle anderen Teilnehmer brauchen nur insgesamt ein kezajit Mazza zu essen, das von verschiedenen Mazzot sein kann.

III.8 DAS ESSEN VON MAZZA

Mozi Mazza

Wie viel Mazza?

An den beiden Sederabenden muss jeder mindestens ein kezajit (die Größe einer Olive) Mazza essen, wenn möglich besser noch zwei kezajit, eins von der obersten ganzen Mazza und eins von der gebrochenen mittleren Mazza. Für die Sederabende nimmt man schemura Mazzot (speziell für den Seder handgemachte oder maschinell hergestellte Mazzot).

Linksseitig angelehnt sollte jeder also mindestens 27 bis 30 g (ein olivengroßes Stück) Mazza essen, möglichst innerhalb von zwei Minuten. Schafft man dies nicht, versucht man es in vier Minuten zu essen. Sollte man das kezajit innerhalb von neun Minuten gegessen haben, hat man laut einiger Poskim (Gelehrten) seine Pflicht auch erbracht.

Doppelte Symbolik

Mazza ist sowohl Sklavenbrot als auch Nahrung der Freiheit, weil man beim Exodus wegen der Eile keine Zeit hatte, das Brot aufgehenzulassen.

Maror hat neben der Symbolfunktion der Bitterkeit der Knechtschaft auch eine positive Deutung: es diente als Aroma zum gerösteten Pessachfleisch.

Die doppelte Konnotation des Marors hat nach der Meinung von Rabbi Schlomo Zalman Auerbach eine tiefgründige Bedeutung. Normalerweise erfahren wir angenehme Geschehnisse als ‘gut’, während wir unangenehme Schicksalsschläge als ‘schlecht’ einordnen.

Diese Zweiteilung ist jedoch künstlich, eine Folge unserer Kurzsichtigkeit. Faktisch geschieht alles, – wie schwer uns die Annahme auch fällt – zum Guten. Aus der g’ttlichen Perspektive ist alles positiv. In den Klageliedern (3: 38) steht geschrieben: “Aus dem Munde des Allerhöchsten kommt weder Böses noch Gutes.” Tatsächlich handelt es sich bei „gut“ und „schlecht“ nur um menschliche Qualifikationen!

III.9 DAS ESSEN VON MAROR

Verschiedene Sorten Maror

In der Mischna werden verschiedene Gemüsesorten erwähnt, die als Maror geeignet sind. Romana-Salat verdient den Vorzug vor Meerrettich, mit seinem intensiv bitteren Geschmack. Romana-Salat ist anfangs nicht wirklich bitter im Geschmack. Er spiegelt aber die Situation in Ägypten ziemlich genau wider: zu Beginn waren die Kinder Ja’akovs herzlich willkommen, erst danach machten die Ägypter ihnen das Leben schwer (bitter).

Rabbi Mosche Feinstein erkennt hierin ein Symbol für die Weise, in der G’tt mit der Menschheit umgeht. Wenn Haschem einen irrenden Menschen auf den rechten Weg zu lenken versucht, macht Er das mit sanfter Hand. Gelingt dies nicht, weil der Mensch die Hinweise von Oben negiert, dann kann es sein, dass G’tt auf eine bitterere Weise eingreifen muss. Symbolisch ausgedrückt betont die Mischna, dass die “Romana-Salat-Behandlung” den Vorzug verdient.

Rabbi Ja’akov Kamenetsky findet, dass der milde Romana-Salat für den goldenen Mittelweg im Leben steht, der immer bevorzugt werden sollte. Jede Form von Extremismus ist verpönt! Dient G’tt in Freude, ist unsere Devise, symbolisiert durch die “angenehme” Maror-Variante, durch den Romana-Salat.

Die Symbolik von Charoset

Im Talmud (B.T. Pesachim 114a) behaupten die meisten Chachamim (Weisen), dass Charosset keine Mitzwa ist. Wozu dient dann Charosset? Die Antwort lautet: Um den bitteren Geschmack des Marors zu mildern. Rabbi Eliezer bar Zadok meint, dass Charosset verschiedene Aspekte der Sklaverei symbolisiert, und dass das Essen von Charosset schon eine Mitzwa darstellt.

Nach der Meinung des Talmuds würde allein das Erblicken von Charoset auf dem Tisch schon genügen, um die Härte der Unterdrückung zu mindern.

Aber Rabbi Eliezer bar Zadok behauptete: „Charoset ist eine Mizwa“. Das heißt, dass Charoset eine für sich stehende Vorschrift ist, die nicht nur die Schärfe des Marors abschwächt. Welche eigene Bedeutung können wir Charoset beimessen?

Apfelbäume

Rabbi Levi antwortet: „Es erinnert uns an die Apfelbäume, in deren Schatten die jüdischen Frauen ihre Kinder gebaren, wie es im Hohelied (8:5) geschrieben steht: Unter dem Apfelbaum habe ich dich erweckt.“ Deshalb ist Apfel der wichtigste Bestandteil von Charoset.

Lehm

Rabbi Yochanan war mit dieser Erklärung nicht einverstanden und behauptete, dass Charosset ein Symbol für das Lehm und den Zement ist, mit denen die Juden in Ägypten arbeiten mussten.

Maimonides (chamez umazza 7:11) entscheidet, dass Charoset nur eine Erinnerung an Lehm und Zement ist. Für ihn besteht Charoset nur aus trockenen Früchten, die dem Gemisch seine Festigkeit geben. Die Äpfel lässt er als Zutat weg.

Doch ist die Entscheidung von Maimonides nicht nachzuvollziehen, denn Abbaje (ebd. 116a) schlussfolgert, dass Charoset auch etwas Saures enthalten sollte zur Erinnerung an den Apfelbaum.

Dies deutet an, dass Charosset sowohl aus Äpfeln als auch aus Zutaten wie getrockneten Früchten, Mandeln und Walnüssen bestehen sollte. Die letzteren Zutaten geben dem Charoset seine Festigkeit.

Stroh

Tosafot meint, dass Charoset verschiedene Früchte enthalten sollte, die im Hohelied als Symbol für das Jüdische Volk genannt werden, wie z. B. Granatäpfel, Feigen oder Datteln (Rema Orach Chaim 473:5). Zur Hälfte gemahlene Gewürze länglicher Form, wie Zimt und Ingwer, sind Zutaten, die das Stroh symbolisieren, welches die Juden bei der Arbeit verwenden mussten.

Die Zutaten von Charosset müssen noch vor Yom Tov gemahlen und verarbeitet werden. Chok Ja’akov sagt, dass man auch am Yom Tov mahlen darf, wenn es davor vergessen worden ist. Er erklärt, dass nicht nur die Vorbereitung von Charosset, sondern Charosset selbst eine Mitzwa ist. Diese Unterscheidung ist sehr schwer zu verstehen, denn die Zubereitung von Nahrung ist am Yom Tov verboten, außer, wenn es in einer abweichenden Weise geschieht. Die Tatsache, dass Charosset benutzt wird, um die Mitzwa zu erfüllen, ist unbedeutend. Die Bestimmung „in einer abweichenden Weise“ erklärt, warum die Zutaten tatsächlich am Yom Tov gemahlen werden dürfen, wenn sie nicht wie üblich auf einem Teller oder in einer Schüssel gemahlen werden, sondern unmittelbar auf der Anrichte oder auf einer Arbeitsplatte. Kurz bevor wir das Maror eintunken, wird Rotwein beim Charosset gegeben und verrührt.

III.10 DAS ZUSAMMENESSEN VON MAROR UND MAZZA (Korech)

Für Korech nehmen wir die untere, nicht gebrochene Mazza. Zusammen mit anderen Mazzot essen alle angelehnt ein kezajit Mazza zusammen mit einem kezajit Maror, das vorher in Charoset getaucht wurde. (Das Charoset wird allerdings vor dem Essen abgeschüttelt).

Laut Hillel soll uns nicht nur der Geschmack des befreienden Pessachlammes als wichtigste Lektion des Sederabends und der Triumph der Freiheit über die Unterdrückung (deshalb durften wir früher am Abend nach dem Pessachopfer nichts mehr essen!) im Gedächtnis bleiben, sondern müssen wir gleichzeitig realisieren, dass der Exodus, also jede Befreiung, in sich auch wieder den Keim der vorherigen Phasen von Exil, Knechtung und Unterwerfung in sich trägt. Deshalb essen wir eine Mischung aus Mazza und Maror; dann realisieren wir uns, dass Freiheit viele Einschränkungen kennt und ohne weiteres in ihr Gegenteil umschlagen kann, nämlich in eine neue Phase der Bedrängnis und Sklaverei.

III.11 DIE MAHLZEIT

Längere Unterbrechung zwischen Kiddusch und Mahlzeit

Es ist normalerweise nicht erlaubt, lange zu warten zwischen Kiddusch und dem Essen der Mahlzeit. Die Regel, dass man Kiddusch nur sprechen darf an dem Ort, wo auch die Mahlzeit gegessen wird“ (B.T. Pesachim 101a), bezieht sich nicht nur auf die Nähe von Ort, sondern auch von Zeit. Warum wird beim Seder von dieser Regel abgewichen? Die Mahlzeit fängt nämlich erst eine bis zwei Stunden nach Kiddusch an?

Rabbi Schlomo Zalman Auerbach erklärt, dass das Lesen der Hagada nicht nur als Unterbrechung anzusehen ist, sondern eher als eine Verlängerung der Mahlzeit. Damit Mazza und Maror gebührend gegessen werden, muss der Mensch einen gewissen Stand der Spiritualität erreicht haben: Jede Generation muss sich selbst so betrachten, als wäre sie selbst aus Ägypten gezogen.“ (B.T. Pesachim 116b). Ziel der Lesung der Hagada ist es, auf diesen Höhepunkt hinzuarbeiten. Unser Ziel sollte es sein, die Pessachnahrung angemessen zu uns zu nehmen. Die Hagada ist statt einer Unterbrechung vielmehr eine Vorbereitung auf die Mahlzeit.

Nicht zu viel essen

Bei der Mahlzeit darf man nicht zu viel essen, da man am Ende noch Afikoman essen muss, und zwar mit gewissem Appetit (B.T. Pesachim Tosafot 107b) und nicht, wenn man sich schon satt gegessen hat. Auch sollte man nicht zu viel trinken, damit man dem gesamten Seder mit Aufmerksamkeit folgen kann und nicht einschläft (Rema, Orach Chaim 476:1).

Es gibt zwei Manieren von übermäßigem Essen. Erstens essen manche mit Widerwillen. Wenn man das Afikoman so isst, hat man die Mizwa nicht angemessen erbracht. Und zweitens, eine noch schlimmere Form von Übersättigung, wenn man sich selbst zwingt zu essen, obwohl der Körper signalisiert, dass er überfüllt ist. Wird das Afikoman auf diese Weise gegessen, dann ist die Mizwa auch nicht erfüllt (Mischna Berura, ebd. 6).

Hoffentlich ist man in der Lage, die Mizwa trotzdem gebührend zu erbringen, denn es ist sicherlich schwer, nach der erforderlichen Menge Mazza und Maror, auch noch das Afikoman mit Genuss zu essen. Die Mitzwa bleibt auch bestehen, wenn man den Konsum von Fisch und Fleisch bei den Mahlzeiten am Yom Tov einschränkt.

Vorzugsweise lehnt man sich während der gesamten Mahlzeit an. Man beendet die Mahlzeit so rechtzeitig, dass man noch vor Mitternacht das Hallel rezitieren kann.

III.12 DAS ESSEN VON AFIKOMAN

Zafun – verborgen

Wir essen nun Afikoman-Mazza in der Größe von einem halben Ei. (Nach manchen Gelehrten muss man sogar ein Stück so groß wie ein Ei essen.) Afikoman muss vor Mitternacht gegessen werden. (In der Sommerzeit entspricht dies etwa um 1:45 Uhr morgens). Afikoman wird angelehnt gegessen und möglichst innerhalb von zwei Minuten. Nach dem Afikoman darf man nichts mehr essen. Nur trinken ist noch erlaubt. Man trinkt Wasser und die zwei noch verbleibenden Becher Wein, die verpflichtend sind.

Von verborgenem Potenzial nach Realität

Die Sedermahlzeit nähert sich dem Ende zu mit dem Aufdecken der Afikoman-Mazza. Lange lag die Mazza für uns unsichtbar in ihrem Versteck. Jetzt wird sie für alle sichtbar. Wenn wir wissen, dass die Afikoman-Mazza symbolisch für die Erlösung steht, können wir uns vorstellen, wie die messianische Erlösung stattfinden wird. Sobald sich der Maschiach offenbart hat, verstehen wir, dass schon immer ein messianisches Potenzial hinter den Schirmen verborgen lag. Obwohl wir jahrhundertelang in der Diaspora gelitten haben, war dieses messianische Potenzial immer unter uns. Am Anfang des Tischgebets singen wir den Psalm 126 (Schir Hama’alot), dessen Anfangsvers schon die Bedeutung von Afikoman ansagt: “Wann aus dem Elend G’tt nach Zion führet: So sind wir wie vom Traum erwacht”. Während des Schlafes können uns Träume ängstigen, die sich nach dem Erwachen als Illusionen entpuppen. So wird auch die Erlösung in der Zeit vom Maschiach vor sich gehen. Unsere Erlösung wird so einschneidend sein, dass jahrhundertelanges Leiden wie Schnee in der Sonne verschwindet.

III.13 DAS DANKGEBET ÜBER MAHLZEIT

Das ‘Benschen’ ist ein integraler Bestandteil des Seders. Wir danken Haschem auch für den leiblichen Erhalt, der uns trotz aller Bedrohungen zuteil wird.

Beim ‘Benschen’ betonen wir, dass es nicht so sehr unsere eigenen Verdienste, sondern die Gnade G’ttes ist, die uns ernährt. So gesehen ist der Seder der passende Ort um zu benschen. Ein zentraler Gedanke im Tischgebet ist, dass es vielmehr G’ttes Liebe war, die uns aus Ägypten führte, und nicht so sehr unser hoher religiöser Stand.

‘Hasan et hakol’- G’tt nährt alles und alle Geschöpfe ohne Unterschied. So müssen auch wir dem Anderen mit Wohlwollen begegnen. Die kleinen Unterschiede zwischen uns Menschen sind nicht wirklich von Bedeutung.

III.14 Hallel

Hallel – allgemeine Einleitung

Im Hallel singen wir aus der Tiefe unseres Herzens, dass wir uns freuen, Diener G’ttes zu sein und die Mitzwot erfüllen dürfen.

Fünf wichtige Themen

Ursprünglich wurde das Hallel zu den Zeiten des Tempels beim Essen des Pessachopfers gesprochen. Obwohl heute kein Pessachopfer dargebracht wird, sind wir immer noch verpflichtet, Hallel zu rezitieren. Das Hallel, das wir am Sederabend sagen, heißt “Ägyptisches Hallel”, weil die ersten zwei Psalmen vom Auszug aus Ägypten handeln. Der Talmud (B.T. Pesachim 118a) fragt, weshalb wir neben “dem großen Hallel” – Psalm 136 – auch diese Psalmen sagen. Die Antwort ist: Weil in ihnen fünf wichtige Themen angesprochen werden, und zwar:

  1. den Auszug aus Ägypten,
  2. die Spaltung des Schilfmeeres,
  3. die Gabe der Tora,
  4. die Wiederbelebung der Toten und
  5. die einleitenden Vorfälle im Zusammenhang mit dem Kommen des Maschiachs.

Der Buchstabenwert von ‘Hallel’ ist gleich an dem numerologischen Wert vom G’ttesnamen, also dem Namen, der die Herrschaft über das Universum andeutet. Beim Sprechen vom Hallel bezeugen wir unsere Demut vor G’tt. ‘Hallel’ bedeutet auch ‘Licht’. Wenn wir die Psalmen dieses Dankgebets rezitieren, offenbaren wir unsere tiefsten Gefühle von Freude und Dankbarkeit.

“Die solche machen, sind wie sie”

Weil der Mensch nach dem Ebenbild G’ttes geschaffen wurde, tendiert jeder von Natur aus dazu, den Schöpfer nachzuahmen. Deshalb müssen wir sehr behutsam sein, wen wir als unseren G’tt “auserwählen”. Wähle ich einen geschmolzenen G’tt aus Gold oder Silber, dann werde ich selbst wie diesem stummen, leblosen Götzen werden. Dann finde ich bestimmt keinen Gefallen an der Interaktion mit anderen und werde wenig Mitgefühl mit meinen Mitmenschen zeigen. Darum sollten wir unseren Glauben auf G’tt richten. Dies erhöht unsere spirituellen Bestrebungen: “So wie ER barmherzig ist, so wirst auch du barmherzig sein”. Wenn wir versuchen, die Eigenschaften G’ttes nachzuahmen, werden wir zu besseren Menschen werden.

“Tote preisen nicht den Ewigen”

Eine leblose Sache kann nicht mehr wachsen, sich nicht mehr verbessern oder entwickeln. Nach dem Ableben gibt es nur noch die Vergangenheit, aber keine Zukunft mehr. Wenn wir unsere Vergangenheit anschauen, empfinden wir oft die Unzulänglichkeit unserer Taten und Absichten. Wenn wir nur auf die Vergangenheit zurückblicken, ergreift uns manchmal ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Wie können wir uns überhaupt noch irgendwo zeigen? Die Toten preisen G’tt nicht!

Wenn ich mir jedoch vornehme, weiter zu wachsen und mich zu bessern, dann lebe ich noch. Dann gibt es noch Hoffnung für die Zukunft. Leben heißt wachsen.

III.15 Nirza, DIE ANNAHME

III.15.1 Adir bimelucha – allmächtig in Seinem Reich

Wenn wir beten, dann müssen wir die unendliche Größe G’ttes überdenken und Seine Allmacht über das Universum annehmen.

Leider müssen wir auch zugeben, dass unseren Gebeten oft die nötige Konzentration und Hingabe fehlen.

Wenn wir in einen Wettstreit treten und schon von Anfang an wissen, dass unser Gegenspieler in mancher Hinsicht besser ist als wir und talentierter, dann sollten wir uns bemühen, um wenigstens genauso gut zu sein wie er.

Der Midrasch behauptet, dass unsere Gebete noch vor den Gebeten der Engel erhört werden. Das bedeutet also, dass unsere tefillot mit denen der Engel verglichen werden. Wenn wir unsere Gebete herunterleiern, werden sie im Vergleich zu den himmlischen Gebeten gar nichts sein.

Oft begegnet uns der Text: “Wisse vor Wem du stehst”. ‘Vor’ kann einerseits für eine Ortsangabe stehen, aber auch für eine Angabe der Zeitfolge. Unsere Gebete werden noch vor den Gebeten der Engel erhört, und deshalb sollten wir mit mehr kawana beten. Wenn unsere Gebete vorher erhört werden, zeigt das, dass G’tt das Gebet des Menschen bevorzugt. Eben, weil der Mensch sterblich ist und seine Körperlichkeit überwinden muss, um Spiritualität zu erreichen, gibt G’tt ihm den Vorzug, noch vor den Engeln.

III.15.2 Yiwné weto bekarov – möge ER bald Sein Haus wieder errichten

Warum können wir nicht überall beten? Wieso brauchen wir den Tempel in Yeruschalayim?

Der Tempel einigt das Jüdische Volk. So viele Gleichgesinnte zu den Festtagen zusammen in Yeruschalayim gaben dem Jüdischen Volk in religiöser und moralischer Hinsicht immer wieder neue Kraft und frischen Mut. Yeruschalayim vereint das Jüdische Volk und lenkt die nationale Einheit auf die g’ttliche Einheit. Die g’ttliche Anwesenheit ist nie von Yeruschalayim gewichen. Es ist nicht nur Hauptstadt und Residenz, sondern auch jene Stadt, aus der jeder Pilger und jede Pilgerin spirituell wie neugeboren zurückkehrt.

Im Talmud wird Yeruschalayim als ‘heiliger als alle anderen Orte in Israel’ angesehen, weil viele Gebote nur in Jerusalem erbracht werden können. Dreimal im Jahr, an Pessach, Schawuot und Sukkot, muss jeder ‘vor dem Angesicht G’ttes erscheinen’ (Dewarim 16:16).

Die Mizwa der ‚Alijat regel‘ (die Pilgerwanderung) bekommt eine interessante Dimension, wenn wir sie als religiösen Urlaub bezeichnen. Im ersten, zweiten, vierten und fünften Jahr eines Schmita-Zykluses wurde etwa neun Prozent der landwirtschaftlichen Brutto-Erträge als sogenanntes zweites Zehntel gespart, um es während der Pilgerwanderung in Yeruschalayim für Essen auszugeben. Dies hat schon Ähnlichkeit mit unserer modernen Urlaubsplanung! Heutzutage fahren wir auch dreimal im Jahr in Urlaub und geben dafür minimal neun Prozent unseres Brutto-Einkommens aus.

Aber im Gegensatz zum modernen Menschen, suchte der antike Israelite keine Erholung am überfüllten Strand, sondern G’ttliche Inspiration, die ihm in Yeruschalayim und dort besonders im Tempel, zuteilwerden konnte. Während der drei Erholungspausen im Jahr wurde nicht nur die Verbindung zu G’tt vertieft. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen der Juden, die von allen Ecken und Enden nach Yeruschalayim kamen, wurden gepflegt und gestärkt. Eine Erfahrung, die wir heute auch am Fuß der Klagemauer (Kotel) noch spüren.

Den Bet HaMikdasch gibt es nicht mehr. Trotzdem spielt der Tempel eine zentrale Rolle in unserem Denken. Mit dem Gesang “Leschana haBa’a Biruschalayim” – nächstes Jahr in Jerusalem – am Ende des Pessachseders zeigen wir unsere positive Zukunftserwartung über das Kommen des Maschiachs und den damit verbundenen Wiederaufbau des Tempels. Die Endzeit scheint nicht mehr fern zu sein. Im Talmud wurde das Versprechen festgelegt, dass der Maschiach sich vor dem Jahr 6000 offenbaren wird. Wenn der Schein uns nicht trügt, hat der Befreiungsprozess bereits begonnen. Der bekannte Talmudkommentator Rabbi Schmu’el Edels (16. Jh.) beschreibt eine alte Tradition, nach der für das Kommen des Maschiachs eine ganz eigene politische Freiheit im Lande Israel verkündet wird. Die Tora-Ausleger Nachmanides und Rabbi David Kimche melden weiter, dass die Sammlung der Zerstreuten, die sogenannte “Kibbuz Galujot”, unter Mahnungen der Völker stattfinden wird. Der Talmud fügt hinzu, dass der Boden im Land Israel vor dem Kommen des Maschiachs wieder bebaut werden wird. Die Bedingung, dass der größte Teil des Jüdischen Volkes dann in Israel lebt, ist jedoch bis heute nicht erfüllt. Aber die Kibbuz Galujot und der Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem gehen Hand in Hand, und das können wir heutzutage mit eigenen Augen sehen.

III.15.3 Leschana haBa’a Biyeruschalayim

Es gibt eine bekannte Geschichte von einem Mann der seinen Freund jedes Jahr zum Seder einlud. Als der Gastgeber das Gebet Leschana haBa’a biyeruschalayim – nächstes Jahr in Jerusalem – rezitierte, meinte der Gast: “Aber das haben wir letztes Jahr auch schon gesagt. Wir sind aber immer noch hier?” Der Gastgeber erklärte, dass das Gebet im letzten Jahr nicht erhört wurde, wir aber weiterhin hoffen, dass die Erlösung im kommenden Jahr stattfindet. Im Jahr darauf am Seder, bei der gleichen Stelle angekommen, schaute der Gastgeber empor und sprach: “Bitte G’tt, lass mich nicht wieder diese Erniedrigung erleiden. Ich kann nicht dauernd erklären, warum wir noch nicht nach Jerusalem zurückgekehrt sind”.

Würden wir uns tatsächlich wegen unseres Verbleibs in der Diaspora schämen, dann würden wir unsere Gebete viel ernster nehmen! Welche Bedeutung hat Jerusalem und warum hoffen wir auf einen Rückkehr?

Stellen Sie sich vor, wie Jerusalem ausgesehen haben muss zu der Zeit, als der Tempel noch stand und viele Juden von überall aus dem Land dort zusammenkamen, um Pessach zu feiern. Jeder erfuhr ein spirituelles Spitzenerlebnis.

III.15.4 Brutstätte religiöser Aktivität

Die Wirkung, die Yeruschalayim ausübt, erklärt gleichzeitig, warum das geistliche Zentrum nicht irgendwo auf dem Land entstand, sondern genau in der Stadt. Wachstum der Zivilisation findet erfahrungsgemäß dort statt, wo Menschen zusammenkommen, also in Städten. Dort reifen die neuen Ideen und es gibt kulturelles Wachstum. Das Land erzeugt die Nahrung für den Körper, in der Stadt reift die geistige Nahrung. Rabbiner S. R. Hirsch erklärt dies so: Das Wort `Ir’ (Hebr. für Stadt) kommt vom Wortstamm “Ur”, das anregen, erzeugen bedeutet. Eine Stadt inspiriert die Menschheit und ist eine Brutstätte der Kreativität. Unsere Zivilisation ist darauf ausgerichtet das Band mit G’tt zu entwickeln. Aus religiöser Sicht war Jerusalem die höchste Verwirklichung von der Vorstellung, wie eine Stadt sein sollte.

III.15.5 Bürger in Jerusalem

Auch Folgendes steht in Dewarim 14:23: “In Anwesenheit G’ttes sollst du den Zehnten von deinem Ertrag verzehren, damit du vor deinem G’tt zu allen Zeiten Ehrfurcht hast”. Sogar ein Bauer aus den entlegensten Orten wurde dreimal im Jahr selbst zum “Priester und Levit”; dreimal im Jahr ließ er seine tägliche Arbeit ruhen, reinigte sich und bereitete sich vor auf die Gegenüberstellung mit Haschem und dort verweilte er bis sein zweites Zehntel verbraucht war. Wenn er nicht in der Lage war, selbst zu gehen, dann schickte er seine Kinder, damit sie in der Atmosphäre von Jerusalem aufwachsen konnten. Das System des zweiten Zehntels sicherte, dass jeder Jude während eines Teils des Jahres als Bürger von Jerusalem in der Stadt leben konnte und somit kein Fremder war.

III.15.6 Uwegen wajehi bachazi halajla – und es war um Mitternacht…. Und du wirst sprechen: dies ist das Pessachopferfest

Diese zwei Lieder handeln von vielen Wundern, die genau um Mitternacht eintraten. Was charakterisiert eigentlich den Moment des Wunders? Was ist so speziell an Mitternacht? Warum singen wir mit dem Refrain „Dies ist das Fest von Pessach“ über Wunder, die so gut wie gar nichts mit dem Auszug zu tun haben?

Die Lieder berichten als erstes über den wundersamen Sieg unseres Erzvaters Avraham im Krieg gegen die Kana’anitischen Könige bei der Befreiung seines Neffen Lot (vgl. Bereschit 14: 16). Der Midrasch erklärt, das Avraham und sein treuer Diener Eliezer den Feind ohne Heer besiegten.

Eine Antwort auf die Anfangsfragen wird noch schwieriger, weil es noch zwei zusätzliche Probleme gibt. Der Talmud sagt, dass jemand das Mincha-Gebet (Mittagsgebet) mit besonderer Sorgfalt sprechen soll, weil der Prophet Eliyahu nach dem Mittagsgebet eine positive G’ttliche Erwiderung erwirken konnte. Welche besondere Bedeutung hat das Mittagsgebet? Würden Eliyahus Gebete morgens oder abends genauso wirksam gewesen sein? Ein zweites Problem taucht auf beim Bericht über die Geburt Yitzchaks. Die Tora berichtet ausführlich, dass unsere Erzmutter Sara bei der Geburt neunzig Jahre alt war. Nach dem Midrasch wurde Mosche geboren als seine Mutter Yochewed hundertsiebenunddreißig Jahre alt war. Dieses letzte Wunder bleibt in der Tora gänzlich unerwähnt. Warum wird es ignoriert?

III.15.7 Aller Anfang ist schwer

Etwas Ungewöhnliches ist nur beim ersten Mal einzigartig. Als der erste Mensch auf den Mond landete, saß die ganze Weltbevölkerung vor dem Fernseher. Heute würden wir vielleicht weiterzappen, wenn wieder eine Mondlandung ausgestrahlt wird. Es ist nichts Besonderes mehr. Nach der wundersamen Geburt Yitzchaks war die Schwangerschaft von Jochewed nicht wirklich aufsehenerregend mehr. Das erste Wunder fand Aufmerksamkeit, danach ist es keine Neuigkeit mehr.

Während seines Mittaggebetes gelang es Eliyahu, dem Propheten, vom Himmel ein Wunder zu erwirken. Eliyahu hat so den Weg freigemacht für neue Wunder, die im Zuge unserer glühenden Mittagsgebete eintreten werden, auch noch in der heutigen Zeit.

III.15.8 Aufopferungsbereitschaft

Als Avraham hörte, dass sein Neffe Lot gefangen genommen wurde, wollte er ihn um jeden Preis befreien. Mit dem Krieg gegen eine gewaltige Übermacht setzte Avraham sein eigenes Leben aufs Spiel. Nun war Lot nicht der ganz große Zaddik, dass ihm so viel Aufopferungsbereitschaft entgegengebracht werden musste. Avraham war sogar gezwungen, in eine andere Gegend zu ziehen, weil Lot sich so schlecht benahm. G’tt war nur bereit mit Avraham zu sprechen, wenn dieser sich von seinem verdorbenen Neffen entfernte. Avraham hätte sich nicht um diesen Abtrünnigen kümmern müssen. Trotzdem riskierte er das eigene Leben. Avrahams Hilfsbereitschaft galt allen, unabhängig vom Ansehen der jeweiligen Person. So ahmte er G’tt nach, der auch keine Ausnahmen macht und alle Weltbürger, ob gut oder schlecht, unterstützt. Als Belohnung für seine Aufopferung schlug Avraham ein übermächtiges Heer.

Mit diesem ersten Ausdruck von bedingungsloser Liebe zu seinen Mitmenschen setzte Avraham den Maßstab für alle nach ihm kommenden Generationen. Künftige Wunder können geschehen, weil Avraham die Vorarbeit geleistet hat. So soll dieses erste Wunder, das auch um Mitternacht geschah, uns daran erinnern, dass wir jemandem in seiner Not helfen müssen, obwohl wir sein Verhalten vielleicht nicht gutheißen.

III.15.9 Deckmantel des Götzendienstes

Die letzte Plage, mit der Pharao gezwungen wurde, die Hebräer frei zu lassen, war die Tötung der Erstgeburten um Mitternacht am 15. Nissan 2448. Genau zu diesem Zeitpunkt riskierte Avraham sein Leben für seinen Neffen Lot.

Pessach ist die Verwerfung des Götzendienstes. Das Lamm war ein ägyptischer Götze. Der Götzendienst ist nichts anderes als ein rechtlicher Deckmantel für die Jagd nach Spaß und Vergnügen. Der Mensch sucht für seine Taten die Legitimation und Rechtfertigung in einem Abbild. Hedonismus und Selbstaufopferung gehen nicht zusammen. Nur eine Person, bei der die Spiritualität stärker ist als ihre materiellen Ambitionen, kann sich selbst für andere aufopfern.

Die zwei Lieder, die von Wundern handeln, bekommen jetzt eine neue Bedeutung. Die Nacht von Pessach ist ein sehr günstiger Zeitpunkt für eine wundersame Rettung, weil unser Erzvater Avraham einen Präzedenzfall schaffte für die Selbstaufopferung für andere. Wir helfen auch, wenn wir mit den Ansichten oder mit dem Verhalten einer Person nicht einverstanden sind.

Die G’ttliche Intervention beim Auszug wurde dem Jüdischen Volk zuteil auf Grund von spirituellen Errungenschaften früherer Generationen.

III.15.10 Echad mi Yodé’a – Zusammenfassung in ein Leitprinzip

Die Tora enthält sechshundertdreizehn Gebote, die uns Mosche Rabbenu gegeben hat. König David fasste die sechshundertdreizehn Gebote zusammen in elf Hauptprinzipien, damit die Essenz der Tora besser greifbar wurde. Der Prophet Yeschayahu machte daraus sechs Kategorien, während der Prophet Micha die Gebote auf drei Prinzipien reduzierte. Schließlich fasste der Prophet Chabakuk alles zusammen in ein Leitprinzip: “Der rechtschaffene Mensch lebt im Glauben und Vertrauen auf G’tt” (B.T. Makkot 23b). Immer wieder müssen wir zur Basis und zum Fundament der sechshundertdreizehn Ge- und Verbote der Tora und zu den Auslegungen für die Praxis im täglichen Leben zurückkehren. Schwierigkeiten beim Ausüben der abgeleiteten Regeln sind oftmals ein Zeichen dafür, dass wir ein Problem haben in unserer Beziehung zu der Essenz unseres Glaubens, zu der Einzigkeit G’ttes.

Ein Rabbiner fing mal eine Diskussion mit einem jungen Mann an, der an seinem Glauben zweifelte: “Schauen Sie, Rabbiner, ich bin Atheist, ich glaube nicht an G’tt”. Der Rabbiner antwortete: “Setze dich darüber hinweg. An den G’tt, an den du nicht glaubst, glaube ich auch nicht”. Es macht wenig Sinn, zu behaupten, dass wir nicht glauben, außer wenn wir unseren Glauben durchschauen.

In Echad Mi Yode’a werden alle Auswirkungen von der Einzigkeit G’ttes, ob religiös oder säkular, immer wieder zum Ursprung von allem zurückgeführt.

III.15.11 Dreizehn, die Glückszahl

Warum zählen wir bis dreizehn? Warum halten wir nicht bei zehn an oder zählen bis ins Unendliche? Die Zahl Dreizehn verweist auf die dreizehn Eigenschaften von G’tt, soweit es überhaupt möglich ist, darüber zu sprechen.

Mit dem Auszug wurde beabsichtigt, eine Jüdische Nation zu gründen, die als “Volk des Buches” in die Geschichte eingehen würde. Die Tora schreibt vor, dass wir “G’tt folgen müssen” (Dewarim 13:5). So wie G’tt die Armen ernährt und die Nackten bekleidet, so sollen auch wir tun. (B.T. Sota 14a). Die Hagada muss mit diesem Thema enden. Es soll unseren Blick für das restliche Jahr dahingehend schärfen und eine Ermunterung für die Zukunft sein….

III.15.12 Echad Mi Yode’a

Wer kennt den Einen? In der Tora steht: “So sollst du denn heute erkennen und zu Herzen nehmen, dass Haschem G’tt ist in dem Himmel droben und auf Erden hier unten, Keiner sonst (Devarim 4: 39) Die letzte Phrase dieses Passuks wird in chassidischen Werken anders übersetzt. Es bedeutet nicht nur, dass es keine anderen G’tter gibt, sondern auch, dass neben G’tt nichts existiert. In der Hagada wird G’tt HaMakom (die Stätte) genannt. G’tt ist die Stätte der Welt und die Welt ist nicht die Stätte G’ttes. Die Frage ist weniger, ob “G’tt existiert”, sondern vielmehr, ob “der Mensch überhaupt existiert?“ Ist unsere Welt, die wir erfahren, wirklich so reell?

III.15.13 Erschaffung aus dem Nichts

Chassidische Meister erklären, dass es eine unendliche Kluft zwischen der creatio ex nihilo (etwas aus dem Nichts erschaffen) und der ‚Erschaffung aus etwas anderem‘ gibt. Wenn ein Künstler etwas schafft, dann kann das Kunstwerk auch nach seinem Tod weiter existieren, weil es das Material, aus dem es gemacht wurde, schon vorher gab.

Diese Welt ist EINE kontinuierliche Schöpfung G’ttes. Würde G’tt Seiner Schöpfung auch nur einen Moment nicht gedenken, dann würde alles direkt in einen Zustand des Nicht-Existierens zurückfallen. Sie können sich das so vorstellen: Sie träumen von zwei Personen, die miteinander diskutieren, sich womöglich prügeln. In Ihrem Traum und Empfinden handelt es sich bei diesen Wesen um reelle Personen, die über ein wichtiges Thema diskutieren. Sie erkennen jedoch, dass sobald sie aufhören zu denken oder zu träumen, diese fiktiven Menschen ihre Daseinsberechtigung verlieren.

Unsere Schöpfung wird jede Millisekunde von neuem kreiert, weil G’tt sie fortwährend aufrechterhält.

III.15.14 Bereschit: das totale Vakuum

Hier ist ein kleiner Umweg über die Schöpfungstheorie des Judentums vonnöten. Als G’tt mit Seinem Schöpfungswerk begann, war es notwendig, zuerst ein totales Vakuum zu kreieren, aus dem G’tt sich aus Seiner eigenen Mitte zurückziehen musste. Das heißt, die G’ttliche Anwesenheit im All musste sich zuerst verfinstern und zurückgedrängt werden, um eine Existenz des Universums, unabhängig von Ihm, zu ermöglichen. Zimzum ist der Begriff für diese G’ttliche Selbsteinschränkung. Ohne Zimzum wäre kein Leben möglich gewesen, weil jedes höhere oder niedrige Wesen unmittelbar zugrunde gegangen und wieder in die unendliche G’ttlichkeit aufgenommen worden wäre. Das G’ttliche Licht musste sich kontrahieren, um einen leeren Raum zu schaffen, in dem unabhängiges Leben entstehen konnte. Sogar in den höchsten Sphären findet Zimzum statt, weil kein Wesen das G’ttliche Licht in seiner ganzen Gewalt standhalten könnte. Durch Zimzum entstanden in einer fallenden Reihe immer mehr konkrete und körperlichere Welten und Sphären. Die Gestalt von jeder Weltsphäre wird bestimmt durch das Maß der G’ttlichen Selbsteinschränkung. Unsere materielle Welt bildet den Endpunkt vom absteigenden und immer grober werdenden Zimzum und gleichzeitig ist sie sein höchstes Ziel. Dass unsere materielle Welt das höchste Ziel der Schöpfung ist, kann anhand des folgenden Vergleichs verdeutlicht werden. Stellen Sie sich vor, ich sitze im Zug ab Düsseldorf Hauptbahnhof. Mir gegenüber sitzt ein Mitreisender: bei Bonn, Köln, Koblenz, Frankfurt und Mannheim Hauptbahnhof bleibt er sitzen. In Stuttgart steigt er aus. Erst bei diesem letzten Halt erkenne ich das Reiseziel meines Mitreisenden. Mutatis mutandi gilt das gleiche für den Schöpfungs-Zimzum. G’tt passierte alle anderen Welten bis Er letztendlich bei unserer Welt halt machte. Deshalb dürfen wir annehmen, dass die physische Welt das eigentliche Schöpfungsziel darstellte. In dieser Welt wiederum ist der Mensch das Schöpfungsziel, weil er als letztes Geschöpf auf die Erde kam.

III.15.15 G’ttesverhüllung – das größte Spannungsfeld

Die Existenz von Materie, die augenscheinlich nur den Naturgesetzen unterliegt, ist ein Paradoxon, das das Wunder der Schöpfung ausmacht. In unserer physischen Welt wird die G’ttliche Anwesenheit vollständig verhüllt und verdunkelt. Das hat im Vorgang der Schöpfung vermutlich einen besonderen Zweck. Die Materie ‑ als äußerste Verhüllung des Unendlichen – muss konstant durch eine außergewöhnlich starke Schöpfungskraft aufrechterhalten werden. Deshalb formt die materielle Welt das größte Spannungsfeld zwischen einerseits der Verhüllung und andererseits der Offenbarung des G’ttlichen.

Einen natürlichen Zustand zu verändern, verlangt viel Energie. Wenn wir einen Ball vom Boden in die Luft schießen wollen, braucht es einen konstanten Druck, um den Ball in der Luft zu halten. Sobald die Kraft, die der Schwerkraft entgegensteuert, nachlässt, fällt das Objekt in seinen natürlichen Ruhezustand zurück. Etwas aus dem Nichts erschaffen, erfordert ebenfalls konstant einen Druck, der die Welten existieren lässt. Die Schöpfung war also kein einmaliges Ereignis, sondern setzt sich kontinuierlich fort. Würde dieser Prozess auch nur eine Minute unterbrochen werden, dann würde alles wieder in einen Zustand des Nicht-Seins zurückfallen.

Alle Materie enthält einen G’ttlichen Funken, der die wahre Essenz seiner Existenz formt. Wir Menschen sehen nur die Außenseite der Dinge und nicht die innere schöpfende Kraft, die sie zusammenhält. Diese Kraft, die alles zusammenhält und vereint ist die Einzigkeit G’ttes. Wenn wir die Welt betrachten, sehen wir, dass alles mit allem zusammenhängt. Man sagt auch, dass es die Wissenschaft ohne die Religion nicht geben würde. Hiermit ist wahrscheinlich das Folgende gemeint. Der Monotheismus geht davon aus, dass alles von einem Punkt aus erschaffen ist (mathematisch gesehen). Wenn tatsächlich alles aus einem Punkt entstanden ist – auch die Einzigkeit G’ttes genannt –, dann ist es logisch, dass alle Phänomene, die uns im Universum begegnen, einen Zusammenhang aufweisen. Die Wissenschaft versucht gerade, sowohl innerhalb der eigenen Fachgebiete als auch fachübergreifend, Gesetze, Beziehungen und Zusammenhänge zu entdecken, mit denen der Mensch den technischen Fortschritt vorantreiben kann. Ohne die Einzigkeit G’ttes würde das Weltall nur einen geringen inneren Zusammenhalt aufweisen, oder besser gesagt, komplett auseinanderfallen, weil es kein Gleichgewicht zwischen den Naturkräften geben würde.

III.15.16 Immer wieder zurück zum Kern, die Einzigkeit G’ttes

Das Lied Echad Mi Yode’a möchte eine Brücke schlagen zwischen der Einzigkeit G’ttes und der Vielzahl der Dinge und Phänomene. Das Lied bewegt sich erst im religiösen Kreis, um anschließend immer mehr in die Außenwelt vorzudringen. Die erste Frage, die sich stellt, ist die Frage nach der möglichen Verbindung von Endlichem (der Welt) mit Unendlichem, G’tt? Die Antwort lautet, dass es G’tt selbst war, der die Brücke geschlagen hat. Dies nahm mit den zwei Steinernen Bundestafeln konkrete Gestalt an. Sie symbolisieren gleichsam die Verbindung zwischen G’tt und dem Menschen. Hier wurde der erste Kontakt zwischen Unendlichem und Endlichem geknüpft. In der Symbolik des Midrasch stehen die zwei Tafeln für Himmel und Erde, Materie und Geist, diese Welt und die Zukünftige Welt. Damit wird verdeutlicht, dass total verschiedene Einheiten doch mittels der fundamentalen Einzigkeit G’ttes miteinander verbunden sind und zusammenhängen.

III.15.17 Von drei bis dreizehn

Der Kuzari, geschrieben von Rabbi Yehuda Hallevi (12. Jh.), betont, dass man die Religion nicht aus Büchern, sondern von lebenden Rollenmodellen lernen muss. Die drei Erzväter und vier Erzmütter dienten als solche Rollenmodelle, die dem Jüdischen Volk als Felsen in der Brandung den Weg zeigten. Das Grundgesetz besteht aus fünf Büchern, während die Auslegung für die Praxis des Judentums in sechs Mischna-Bänden festgehalten wird. Das Judentum erfährt jede Woche einen zusätzlichen Impuls aus dem siebten Tag der Woche, dem Schabbat, an dem der Mensch wieder neue Inspiration für die kommende Woche schöpft. In sechs Tagen wurde die Welt erschaffen, aber den siebten Tag gab G’tt als Tag der Heiligkeit und der spirituellen Erhebung, an dem wir im Stande sind, zu den wirklichen Werten des Lebens zurückzukehren. Mittels der Brit-Mila (Beschneidung) hat Avraham das Jüdische Volk für immer mit G’tt verbunden, weshalb die neun Monate der Schwangerschaft auf eine höhere Ebene gehoben werden. In den Zehn Geboten werden die ethischen Richtlinien für die gesamte Menschheit festgelegt, während die elf Sterne das Universum ausmachen, dem diese zehn Grundregeln ethischen Verhaltens seinen Sinn und Bedeutung verleihen. Letztendlich werden die zwölf Stämme Israels die Welt zu ihrem ursprünglichen Zweck sowie ihrer ursprünglichen Bedeutung zurückführen. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung und in dieser Eigenschaft dazu bestimmt, G’ttes Königreich hier auf Erden zu errichten. Möglich ist dies durch die Imitatio Dei, das Beschreiten der Wege G’ttes, wodurch schließlich die Messianische Zeit anbrechen wird. So ist verständlich, dass dieses Lied seinen festen Platz am Ende des Nachseders erhalten hat, als Vorbote für die Rückkehr zur alltäglichen Realität, in die wir die Botschaft von Pessach mitnehmen sollen. Dabei ist es wichtig, dass wir bei jedem Schritt, den wir tun, die fundamentale Einheit der Schöpfung nicht aus den Augen verlieren.

III.15.18 Chad gadja- Aggression und die reine Intention

In den Sprüchen der Väter (Pirké Awot 2:6) wird erzählt, dass Hillel einmal einen Schädel auf dem Wasser treiben sah. Da sagte er: “Weil du andere hast ertrinken lassen, hat man dich ertrinken lassen. Aber schließlich werden die, die dich haben ertrinken lassen, selbst auch ertrinken”. Was er damit sagen wollte war “jeder bekommt seine gerechte Strafe, wenn er etwas verbrochen hat”.

Derjenige, der als erster ertränkt wurde, muss unschuldig gewesen sein. Derjenige, der seinen Mörder ertränkte, hat etwas Gerechtes getan. Warum sollten wir ihn dann ertränken?

Verurteilungen müssen den Richtern überlassen werden, weil sie unabhängig und objektiv sind. Wenn wir als Individuen das Gesetz in die eigene Hand nehmen, können wir Fehler begehen, weil wir ein persönliches Interesse daran haben, unserem pflichteifrigen Verhalten um des Rechts willen auszuleben. So ist es denkbar, dass man dem Gesetzesbrecher Rachegefühle aus anderen Gründen als nur der Gerechtigkeit wegen entgegenbringt.

Als zu oft werden wir durch unsere Emotionen getäuscht. Sich übereifrig für die gute Sache einsetzen, kann auf Vorurteilen und Eigennutz beruhen.

Dies ist die Botschaft von Hillel: “Derjenige, den du ertränkt hast, kann sich gewiss schuldig gemacht haben an ein Verbrechen Dennoch bist nicht du es, der dieses Urteil hätte vollstrecken dürfen. Deshalb wirst du bestraft, weil du als Henker mehr den eigenen Interessen als dem reinen Gesetz gedient hast”.

Hunde greifen Katzen an, weil sie einen angeborenen Hass gegenüber diesen Tieren verspüren. Auch wenn die Katze kein Verbrechen begangen hätte, würde der Hund sie angreifen, nicht so sehr auf Grund des Vergehens, sondern wegen seines Hasses. Auch Menschen von einem ‚höheren‘ Niveau müssen sich besonders hüten, wenn sie eintreten für die Tora. Pinchas wurde belohnt für sein Vorgehen gegen die Entweihung der Tora, als er über einen ehebrecherischen Mann herfiel, der die Tora entweiht hatte. Jahre später, als er die Identität von Eliyahu, dem Propheten, angenommen hatte, flüchtete er in die Wüste, weil er das abgöttische Verhalten der Israeliten nicht ertragen konnte. Der Midrasch erzählt, dass G’tt ihn dieses Mal auf seinen Übereifer ansprach.

Wie kommt es, dass er in der Gestalt von Pinchas belohnt wird, aber als Eliyahu für sein Vorgehen gegen den Übergriff auf die Tora kritisiert wird?

Wenn jemand seine natürliche Trägheit überwindet, um sich gegen Unrecht aufzulehnen, dann ist das lobenswert. Falls dies jedoch zu oft vorkommt, kann es sein, dass unlautere Motive dahinterstecken.

III.15.19 Nicht den Richter spielen

In Chad Gadja ist die Katze tatsächlich die Verbrecherin, weil sie ein unschuldiges Böcklein angreift. Alle anderen nachfolgenden Figuren, die in diesem Lied auftreten, rächen sich an den Vorgängern und vernichten sie. Warum werden sie alle bestraft? Weil sich keiner so richtig für die Sache einsetzte. Wenn wir den langen Weg der Tora beschreiten wollen, müssen wir besonders vorsichtig sein mit dem, was wir tun. Auch wenn wir meinen, völlig gerecht zu handeln, können wir damit anderen Schaden zufügen. Selbstverständlich muss es ein Rechtssystem geben, um asoziales Verhalten zu bestrafen. Wir müssen uns aber gründlich bewusst sein, dass das letzte Urteil vom Einzig Wahren Richter gesprochen wird.

III.15.20 Chad Gadja – von Rabbiner B. Drukarch s.A.

Niemand würde dieses Lied, das uns so angenehm in den Ohren liegt, in der Hagada vermissen wollen. Es gab jedoch eine Zeit, in der ‘Chad Gadja’ nicht zum Text, wie wir ihn heute kennen, gehörte. Die Sephardim haben dieses Lied bis auf den heutigen Tag nicht in ihre Hagada aufgenommen.

Laut verschiedenen Quellen erschien dieses Lied zum ersten Mal 1590 in der Hagada, die in Prag herausgegeben wurde, und entstand es im 15. Jh. Da es keinen direkten Bezug zum Sederabend hatte, geht man davon aus, dass es vor allem aufgenommen wurde, um die Kinder am Sederabend aufzumuntern und ihr Interesse zu wecken. Offenbar war es geschrieben in einer zu der Zeit bekannten Lied- oder Gedichtform. Dies ist auch von historischen Quellen belegt.

Viele Gelehrte erkennen in diesem Lied ein Motiv des großen Hillels, festgehalten in Pirké Awot II‑7. Die Zeit, in der man die Entstehung von Chad Gadja ansiedelt, war bei weitem nicht die glücklichste Zeit in der Geschichte des Jüdischen Volkes. Wir können uns deshalb sehr gut vorstellen, dass gerade zu solchen Momenten, wenn besserer Zeiten gedacht wurden, man das Verlangen spürte, seinen Leidensgenossen eine bessere Zukunft in Aussicht zu stellen.

Die meisten Menschen sehen dieses Lied als Ermunterung an das Jüdische Volk, als Vergewisserung, dass diejenigen, die Elend über das Volk bringen, ihre gerechte Strafe erhalten. Um diesem Gedanken Kraft zu verleihen, werden in einem kurzen historischen Rückblick in allegorischer Form alle Mächte und Völker genannt und ihr Untergang erwähnt. So steht das Böcklein für das Jüdische Volk, das durch Den Vater ‘G’tt’ gekauft wurde für zwei ‘Suse’, womit Mosche und Aharon gemeint sind. Die Katze stellt Assyrien dar, der Hund Babylon, der Stock ist Persien, Griechenland ist das Feuer und das Wasser steht für die Römer. Auf diese Weise können wir viele Erklärungen für die Beliebtheit des Liedes finden. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass Chad Gadja in Aramäisch überliefert wurde. Aber vielleicht verhielt es sich auch ganz anders.

Rabbi Bondi aus Mainz erzählt uns, dass das Lied uns lehren will, dass nur die höchste Macht, G’tt, es verdient, angebetet zu werden, während alle anderen nur Götzen sind.

Eine ganz andere Interpretation hören wir von Rabbi Ja’akov Emden (1697 ‑ 1776). Er bringt uns auf die Idee, dass dieses Lied eine Beschreibung des menschlichen Lebens ist. Chad Gadja ist hier die Neschama, die Sasa (sus) aus höheren Sphären, die in den Körper des Menschen hinabsteigt, den verschiedenen Verführungen nicht widerstehen kann und schließlich wieder vom Körper getrennt wird, um Verantwortung abzulegen vor dem Allerhöchsten.

Jede Intention, die diesem Lied beigemessen wird, ist der Mühe wert. Lasst es uns deshalb am Ende der Hagada mit Leidenschaft singen!

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

von Frag den Rabbiner (Jewig e.V.)

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