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ZEHN INTERESSANTE HALACHISCHE (PRAKTISCHE) FRAGEN WÄHREND DES SEIDERABENDS AN PESSACH – Teil 1

ZEHN INTERESSANTE HALACHISCHE (PRAKTISCHE) FRAGEN WÄHREND DES SEIDERABENDS AN PESSACH - Teil 1
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     בסייד

Pessach 5782

Jüdisches Pessachfest

Datum: 15-22 Nissan

15/16 – 23 April 2022

SEIDERABEND

ZEHN INTERESSANTE HALACHISCHE (PRAKTISCHE) FRAGEN WÄHREND DES SEIDERABENDS AN PESSACH

Teil I

EINLEITUNG

Pessach, auch bekannt als Frühlingsfest, Freiheitsfest oder Mazzafest, ist eines der wichtigsten Feste im Judentum. Pessach erinnert an die Versklavung der Juden in Ägypten und den Auszug aus Ägypten (“Exodus”) und damit an die Befreiung aus der Sklaverei. Diese Ereignisse sind ein zentraler Bestandteil des Jüdischen Ethos.

Die Seiderabende sind die erste und zweite Nacht des Pessachfestes. Dann sitzt die ganze Familie um einen speziell gedeckten Tisch und spricht über den Exodus. Die Erziehung der Kinder steht dabei im Mittelpunkt. Die Hagada ist der Text der Erzählung, das Buch, in dem alle Geschichten aufgezeichnet sind, von denen einige auch gesungen werden. Symbole der Sklaverei und der Freiheit stehen auf dem Menü, wie die Matze, die gleichzeitig Sklavenbrot und Symbol der Befreiung ist, und der Maror (Bitterkraut), das für das Elend in Ägypten steht.

„Seider” bedeutet wörtlich “Ordnung” und bezeichnet die Reihenfolge der Ereignisse am Seiderabend. Wir erzählen die Jüdische Geschichte vor der Sklaverei, den Stress der Sklaverei, die Erleichterung der Befreiung durch G’tt und die geistige Verantwortung, die das Jüdische Volk bei der Gesetzgebung der Tora auf dem Berg Sinai, dem Höhepunkt des Auszugs, übernahm.

Wir lehnen uns als Ausdruck der Freiheit an und trinken vier Becher Wein, um die vier Stufen der Befreiung zu markieren.

ZEHN HALACHISCHE FRAGEN ZUM SEIDERABEND

Die Halacha – das Jüdische Gesetz – ist eine Reihe von Vorschriften für alle Ereignisse im Leben, von der Wiege bis zur Bahre, von einer Feier bis zur Trauer. Viele Gebote gelten auch an Pessach und insbesondere am Seiderabend. Hierzu folgen einige Fragen.

DIE ZAHL VIER

Im Seider steht die Zahl vier im Mittelpunkt. Es gibt vier Fragen, vier Söhne und vier Becher. Mehrere Kommentatoren sehen in der Zahl vier einen Hinweis auf die vier Erzmütter Sarah, Rivka, Rachel und Lea, die ein Vorbild für die “naschim tsidkaniot” – die frommen Frauen Ägyptens, die nicht aufgaben – waren.

Die Zahl vier erinnert uns auch an die vier Merkmale, durch die sich die Juden in Ägypten auszeichneten. Sie wechselten weder ihre Kleidung noch ihre Sprache oder ihren Namen und verrieten sich auch nicht gegenseitig bei den Ägyptischen Behörden.

Auf einer tieferen Ebene steht die Zahl vier in der kabbalistischen Lehre der “sefirot” für das Konzept des Chessed – der Liebe, der vierten Sefira (Sphäre). Am Seiderabend betonen wir den enormen Chessed von HaSchem. Als die Juden an dem Schilfmeer standen, sagten die Engel zu HaSchem: “Warum sind die Juden besser als die Ägypter? Beide haben Götzen gedient?”

Doch HaSchem, G’tt hat die Juden aus Liebe zu den Erzvätern gerettet.

1.    Aber warum steht dann auf dem Seider-Tisch ein fünfter Becher Wein, der nicht getrunken wird?

Die Tora (Schemot 6,8) verwendet einen fünften Ausdruck im Zusammenhang mit der Erlösung: “Ich will euch in das Land bringen”. Rabbi Tarfon betrachtet die Erlösung als eine fünffache und verpflichtet uns, einen fünften Becher zu trinken. Die anderen Gelehrten sind anderer Meinung.

keine endgültige Entscheidung

Eine Halacha (Gesetz), bei der es keine endgültige Entscheidung gibt, wird manchmal mit dem Wort “Teku” bezeichnet, was so viel bedeutet wie “es bleibt unbestimmt”. Es kann aber auch eine Abkürzung Hebräischer Wörter sein, die bedeuten, dass Elijahu, der Vorbote des Maschiach, alle halachischen Probleme lösen wird. Wir schenken also den Kelch ein, trinken ihn aber nicht und nennen ihn deshalb den Kelch von Elijahu.

den abwesenden fünften Sohn in unseren Seider einbeziehen

Die vier Becher symbolisieren die vier Arten von Kindern. Doch unsere Befreiung ist nicht vollständig, wenn wir nicht auch den abwesenden fünften Sohn in unseren Seider einbeziehen. Auf dem Tisch steht ein fünfter Becher, der aber nicht getrunken wird. Wir sagen zu dem Rasha: “Wenn du in Ägypten gewesen wärst, wärst du nicht befreit worden”.

Aber nach Matan Tora – der Gesetzgebung auf dem Berg Sinai – hoffen wir, dass alle an der endgültigen Befreiung teilnehmen werden, von der der Nach-Seider spricht.

2.    Ist das Anlehnen ein wesentlicher Bestandteil der Seider-Feier?

Dieses Jahr ist am Freitagabend, 16 April, der Seider-Abend. Deshalb hier einige Hintergrundinformationen.

vier Ausdrücken der Befreiung

Im Talmud Jeruschalmi (Pessachim 10:1) heißt es: “Wo sind die vier Becher Wein, in der Tora angegeben?

Rabbi Yehuda sagt im Namen von Rabbi Benaja, dass die vier Becher den vier Ausdrücken der Befreiung gegenübergestellt werden, die in der Parscha Wajera (Schemot/Exodus) stehen, als den Juden die Befreiung aus Ägypten versprochen wurde: “Darum sage zu den Bnei Jisrael:

1. Wehotseti- Ich werde dich herausführen,

2. Wehitsalti – Ich werde dich retten,

3. Wega’alti – Ich werde dich befreien

4. Welakachti – Ich will dich nehmen (Schemot/Exodus 6:6-7)”.

Für die vier Becher werden noch andere Gründe genannt:

gegenüber den vier Bechern des Pharaos

2. Rabbi Jehoschua ben Levi sagt: Die vier Becher stehen gegenüber den vier Bechern des Pharaos in der Traumdeutung des Weinschenks von Josef. Danach wurde Josef Vizekönig. Dann kamen die Bnei Jisrael nach Ägypten und so entstand die Sklaverei, die wiederum die Einleitung zum Exodus war.

im Angesicht der vier fremden Mächte

3. Rabbi Levi sagt: im Angesicht der vier fremden Mächte, die Israel unterdrücken wollen. Die Ägyptische “experience” war nur ein Vorspiel für viele andere Nationen, die uns unterjochen würden. So verläuft die historische Linie vom Exodus bis zur endgültigen Erlösung in Messianischer Zeit.

vier Becher des Trostes

4. Die Chachamim (Weisen) sagen: Im Gegensatz zu den vier Bechern der Strafe, die G’tt den verschiedenen Nationen in der Zukunft zu trinken geben wird, wird G’tt dem Jüdischen Volk in der Zukunft vier Becher des Trostes geben.

Der Unterschied zwischen der ersten und der letzten Begründung besteht darin, dass es nach der letztgenannten Begründung keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Befreiung der Bnei Israel aus Ägypten und den vier Ausdrücken der Befreiung gibt. Der erste Grund ist, dass wir vier Becher trinken, die den vier Stufen und Ebenen der Befreiung beim Auszug entsprechen.

Wann sollte man sich anlehnen?

In seinem Schulchan Aruch (Orach Chaim 472:14) schreibt der Alter Rebbe über die Vorschriften des Anlehnens: “Wann sollte man sich anlehnen?“:

1. beim Verzehr der ersten olivgroßen Matza,

2. beim Verzehr der zweiten olivgroßen Matza im Hillel-Sandwich,

3. beim Essen der dritten olivgroßen Matza im Afikoman,

4. und dem Trinken aus den vier Bechern”.

Da alle diese vier Teile des Seiders an die Freiheit erinnern, sollten sie alle in einer Art und Weise gefeiert werden, die der Freiheit entspricht, d.h. in einer angelehnten Haltung. Wenn Sie den Rest der Mahlzeit essen und trinken möchten, ohne sich zu anzulehnen, können Sie dies tun. Dennoch ist es gut, sich während der gesamten Mahlzeit anzulehnen. Sie tun dann die Mizwa, sich an die Befreiung zu erinnern und sie auf eine sehr schöne Weise zu erleben.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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